oracio generalis sororis Mechthildis. Genese, Rezeptionsumfeld und literarische Funktion einer besonderen Textform des Fürbittgebets „Benedictus sis domine“ aus Mechthilds von Magdeburg „Lux divinitatis“

 

Teilprojekt Balázs Nemes

 

 

Die für mittelalterliche Rezipienten mit Abstand interessantesten, weil am breitesten überlieferten Teile des „Fließenden Lichts“ Mechthilds von Magdeburg (im Folgenden: FL) stellen zwei Fürbittgebete dar, die in der heutigen Forschung ein Schattendasein fristen. Während das eine Gebet (FL VI.37) ausschließlich durch die „Lux divinitatis“, die lateinische Übersetzung des „Fließenden Lichts“ (im Folgenden: LD) Verbreitung fand, wurde das andere (FL V.35) sowohl auf Deutsch als auch auf Latein rezeptionswirksam, wobei sich die lateinische Rezeption von FL V.35 auf einzelne Exzerpte beschränkt, die in einem bestimmten Überlieferungszweig in die lateinische Übersetzung von FL VI.37 interpoliert wurden. Bemerkenswert sind dabei nicht nur die Interpolationen. Erklärungsbedürftig ist auch das Faktum, dass die Übersetzung von FL VI.37 – es handelt sich um LD VI.1761–119 mit dem Incipit „Benedictus sis domine“ – im besagten Überlieferungszweig, der die Textform y tradiert, dem Wortlaut des deutschen Ausgangstextes deutlich nähersteht, als dies bei den sonst bekannten Textzeugen des Fürbittgebets der Fall ist, die zur Textform x gehören (zur Überlieferung der beiden Textformen des Gebets siehe Anhang).
Die hier skizzierten komplexen, aber umso interessanteren textgeschichtlichen Zusammenhänge rund um die lateinische Übersetzung der Fürbittgebete FL V.35 und FL VI.37, die in der von mir mitherausgegebenen Neuedition der „Lux divinitatis“ dokumentiert sind (erschienen 2019 beim Verlag de Gruyter), nehme ich zum Anlass, um im Rahmen eines geplanten Aufsatzes aufzuzeigen, welche Möglichkeiten die in der Neuedition gebotene Dokumentation für textanalytische Fragen rund um die Genese (1), das Rezeptionsumfeld (2) und die literarische Funktion (3) des Fürbittgebets „Benedictus sis domine“ (LD VI.1761–119) eröffnet.
Ad 1) Die in einem bestimmten Überlieferungszweig der „Lux divinitatis“ beobachtbare Nähe des lateinischen Wortlauts von LD VI.1761–119 zu FL VI.37 habe ich bislang (in meiner 2010 erschienenen Dissertation und in der oben genannten Neuedition der „Lux divinitatis“) mit Kontamination erklärt und auf einen rekonstruktionsphilologisch anmutenden Textvergleich zurückgeführt, der bei diesem Gebet vorgenommen wurde, um die offenbar nicht als sonderlich vorlagentreu wahrgenommene lateinische Übersetzung dem Wortlaut der Übersetzungsvorlage, des als original angesehenen deutschen Textes anzunähern. Es stellt sich indes die Frage: Muss das beobachtete textgeschichtliche Phänomen zwingendermaßen Ergebnis eines synchronen Textvergleichs sein? Lässt es sich vielleicht auch durch vertikale Deszendenz erklären? Sollte Letzteres der Fall sein, wäre die in der Neuedition der „Lux divinitatis“ präsentierte Textversion die Bearbeitung einer dem deutschen Ausgangstext näherstehenden, in der Überlieferung nur punktuell erhaltenen älteren Version der lateinischen Übersetzung, die in dem hier behandelten Fürbittgebet konserviert ist. Was auch immer die Untersuchungen zur Textgenese ergeben, feststeht, dass wir uns bei der Überlieferung der besagten Textversion des Fürbittgebets „Benedictus sis domine“ im Erfurter Umfeld bewegen. Wo genau der Ausgangspunkt der Überlieferung in Erfurt (im dortigen Benediktinerkloster? bei den Kartäusern?) liegt, lässt sich u.U. durch die Mitüberlieferung des mechthildschen Fürbittgebets ermitteln, die bei aller Varianz in Bezug auf die Zahl und die Reihenfolge der in den einzelnen Handschriften erhaltenen Texte auf einen Grundbestand an Gebeten als Ausgangspunkt der Überlieferung schließen lässt, zu dem auch und vor allem das Fürbittgebet „Benedictus sis domine“ gehört.
Ad 2) Die Handschriften, die LD VI.1761–119 überliefern, lassen darauf schließen, dass das Fürbittgebet „Benedictus sis domine“ bei den Benediktinern (in Erfurt und Augsburg) und Kartäusern (in Erfurt und Basel) Resonanz fand. Einen besonders interessanten Resonanzraum stellt dabei die Erfurter Kartause dar und dies vor allem deswegen, weil ihr Exemplar mit dem uns interessierenden Gebet im spätmittelalterlichen Standortkatalog der Erfurter Kartäuserbibliothek nachzuweisen ist (eine digitale genetische Teiledition dieses Katalogs wird im Rahmen meines Freiburger DFG-Projektes „Making Mysticism. Mystische Bücher in der Bibliothek der Erfurter Kartause “ von Marieke Abram, Susanne Bernhardt, Gilbert Fournier und Martin Hinze erarbeitet, siehe www.making-mysticism.org). Nach dem kompositorisch wohl durchdachten, in Form von Erläuterungen reflektierten und auf geistliche Vervollkommnung, genauer: auf die Teilhabe an den Geheimnissen der theologia mystica ausgerichteten theologischen Ordnungssystem des Standortkatalogs, das in den einzelnen Signaturgruppen vorangestellten Einleitungen thematisiert wird, gehörte die Handschrift mit dem Fürbittgebet „Benedictus sis domine“ zur Signaturgruppe F. Nach dem besagten Einleitungstext besteht die Funktion dieser Signaturgruppe darin, den Affekt (affectus) und den Willen (voluntas) mittels Reue, Meditation, Gebet, Andacht und Lobpreisung (per compunctiones, meditationes, puras orationes, sedulas devotiones et gratiarum actiones) so zu reinigen, dass das affektive Seelenvermögen (potentia anime affective) auf der via purgativa im vertraulichen Umgang mit Gott und in der Gottesfreundschaft (Dei familiaritas et amicitia) wachsen kann. Wie die Trägerhandschrift mit dem Fürbittgebet „Benedictus sis domine“ in das geistliche Programm von F hineinpasst und dort verortet wurde, gilt es anhand jener Inhaltsbeschreibung zu untersuchen, die der Kartäuserbibliothekar bei der Katalogisierung der Handschrift angefertigt hat.
Ad 3) Mit der letztgenannten Erschließungsperspektive ist nicht nur das Tor zum Rezeptionsumfeld, sondern auch zur literarischen Funktion des hier behandelten Gebets geöffnet. Im Zusammenhang einer kontextualisierenden Lektüre möchte ich auch auf die Frage nach der Referenzialisierbarkeit von auto(r)-biograpisch anmutenden Ich-Aussagen im Fürbittgebet „Benedictus sis domine“ eingehen, denn die Überlieferung scheint auf eine multiple Besetzbarkeit des Ich hinzudeuten, die wiederum verschiedene, in der Überlieferung von LD VI.1761–119 dokumentierten Formen der Textaneignung hervorgerufen hat.


Anhang. Überlieferungszeugen des Fürbittgebets „Benedictus sis domine“ (LD VI.1761–119)

Textform x: Basel, UB, B IX 11 (Basel, Dominikaner, um 1350, einziges vollständiges Exemplar der „Lux divinitatis“) ? Basel, UB, A VII 68 (Basel, Kartäuser, 3. Drittel 15. Jh.) ? Basel, UB, A VIII 6 (Basel, Kartäuser, 3. Viertel 15. Jh.) ? Bern, BB, Cod. A82 (Basel, Kartäuser, 3. Drittel 15. Jh.)

Textform y: Augsburg, Staats- und StB, 8° Cod. 17 (Augsburg, Benediktiner, 2. Viertel/Mitte 15. Jh.) ? Prag, Bibl. des Strahov-Klosters, DB IV 2 (Erfurt, Benediktiner, 3. Drittel 15. Jh.) ? Weimar, HAAB, Oct 54 (Erfurt, Benediktiner, 1443) ? Weimar, HAAB, Oct 58 (Erfurt, Kartäuser, 1. Drittel 15. Jh.)

 

Eine Aufsatzpublikation wird im Mittellateinischen Jahrbuch erscheinen.