Imperiales Unterstatement

Imperiales Unterstatement

17 Masterstudenten der Zeitgeschichte suchten im Rahmen einer Studienreise in «Imperial London» die Spuren des ehemaligen britischen Weltreiches. Und entdeckten eine Metropole, die visuell wenig Opulenz zur Schau stellt, dafür aber andere Sinne anspricht.

Das britische Empire hat in seiner Hauptstadt tiefe Abdrücke hinterlassen. Als ehemaliges Zentrum eines der grössten Weltreiche der Geschichte ist London Standort zahlreicher Gedenkstätten, die an Ereignisse und Akteure imperialer Weltgeltung erinnern. Die Objekte und Artefakte, die im öffentlichen Raum und in den Museen von der kolonialen Expansion Grossbritanniens, vom globalen Handel und von der wissensgeschichtlichen Eroberung der Erde zeugen, sind in ihrer Vielfalt und Qualität wohl einzigartig. Sie erzählen in ihrer Anzahl aber auch von einem Sammelwahn und sind selbst für Historiker beinahe überwältigend. Und doch wird die imperiale Vergangenheit Londons nicht auf des Forschers und Beobachters Auge und erst recht nicht auf jenes des flanierenden Touristen gedrückt. Städte wie Paris oder Wien sind viel offenkundiger vom Streben nach Grossmacht und der damit verbundenen imposanten Architektur geprägt. Man denke an die Metamorphose von Paris unter Napoleon III., als ganze Stadtteile abgerissen und breite Boulevards gezogen wurden. Solch eine grossflächige Umgestaltung fand in London nicht statt. Der Historiker Jürgen Osterhammel führt diese «imperiale Abstinenz»auf private und öffentliche Sparsamkeit zurück sowie auf die Abneigung einer konstitutionellen Monarchie gegen hohlen absolutistischen Pomp. Ausserdem habe eine einheitliche Stadtverwaltung mit hinreichenden Planungsvollmachten gefehlt.

Der Drache auf der Säule
Unter der Leitung von Professor Siegfried Weichlein und mitorganisiert von Linda Ratschiller waren 17 Master-Studenten der Zeitgeschichte aus Freiburg zwischen dem 8. und 11. Mai 2017 vor Ort auf der Suche nach den Spuren von Imperial London. In sechs Vorlesungen bereiteten sie sich auf die Reise vor, diskutierten das alte Imperium, das in der Frühen Neuzeit von 1607 bis zum Verlust der nordamerikanischen Kolonien 1783 Bestand hatte und – auch dank dem Ausbau der Royal Navy zum mächtigen aussenpolitischen Instrument – den Aufstieg zur Weltmacht begründete. Behandelt wurde auch der Fokustransfer vom Atlantik auf den Indischen Ozean im 19. Jahrhundert und die Expansion zum Weltreich. Dieses erreichte 1922 seine grösste Ausdehnung und verfügte über rund ein Drittel der Landfläche der Erde. Thematisiert wurde schliesslich der Übergang in den Commonwealth und die politische Unabhängigkeit der Dominions und 1947 auch Indiens sowie die darauffolgende Dekolonisation Afrikas als Abgesang auf das Empire. Und schliesslich wurden auch aktuelle Wendungen wie der Brexit und der vom britischen Sprühregen stets etwas getrübte Blick auf Europa und die Union thematisiert.

Die Suche nach Überresten des Empires beginnt mit einem von zwei Kommilitonen geführten Rundgang entlang des «Strand», der Verbindungsstrasse zwischen den Cities of London als Handelszentrum und Westminster als politischem Nukleus. Wie an einer zwei Kilometer langen Schnur liegen da die Sehenswürdigkeiten aufgereiht. Zum Auftakt stehen wir unter dem Spitzbogen der 1882 von Queen Victoria eröffneten Royal Courts of Justice, die im historistischen Stil der nach er Königin benannten viktorianischen Gotik erbaut wurden. Hier wurde das Common Law gesprochen, das sich nicht auf kontinentales Zivilrecht abstützt, sondern durch richterliche Auslegung weiterentwickelt wird. Offenkundigste Erinnerungsstätten im Strassenbild sind Statuen. Beäugt vom Drachen auf der Säule des Temple Bar Memorial, das die Westgrenze der City und den Übergang der Fleet Street in den «Strand» markiert, begaben wir uns zur Statue von Samuel Johnson. Dieser definierte 1755 den englischen Wortschatz und legte damit die Grundlage für eine Weltsprache. Nicht weit davon entfernt steht der bedeutende liberale Premierminister William Gladstone (1809-1898), der die Home Rule für Irland verteidigte und trotz Besetzung Ägyptens und des Sudan als «Anti-Imperialist» gilt. Seinen konservativen Gegenspieler Benjamin Disraeli treffen wir später an diesem Tag – vor dem Palast von Westminster. Ein kontrovers diskutiertes Denkmal entdecken wir gleich neben Gladstone: Die Statue von Arthur «Bomber» Harris, der das Bomberkommando der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg leitete, die flächigen Zerstörungen deutscher Städte aus der Luft anordnete und auch Dresden verwüstete. Nicht gerade ohrenbetäubend, aber doch recht hoch ist der Lärmpegel in dieser zentralen Lage der Stadt, so dass es zuweilen schwierig wird, die Referenten zu verstehen. In der City of London und darüber hinaus wird, harter Brexit hin oder her, eifrig gebaut und renoviert. Von der britischen Verbindung mit den Dominions und den Kronkolonien erzählen etwa das «Australia House»  oder das «India House» in Aldwych.

Tee, Seide, Opium
Zwei Nachmittage lang führt uns die professionelle Touristenführerin Jacqueline Stater durch ihre Heimatstadt. Sie öffnet uns die Augen für Schätze aus dem Imperium und dessen Protagonisten. Von Robert Clive (1725-1774), dem Eroberer Bengalens in Diensten der East India Company, der den Handel mit Tee, Seide und Opium monopolisierte und den daraus resultierenden Reichtum in Adelspalästen und Landhäusern in der Heimat verbaute, über Horatio Nelson, der am 21. Oktober 1805 die Schlacht von Trafalgar für die Briten entschied, bis zu Queen Victoria, die vor Buckingham Palace auf ihrem Memorial thront. Der organisierte Teil des ersten Tages ist damit beendet. Doch die Monarchie und das Imperium lassen uns in den späteren Stunden nicht ganz los, wenn auch in etwas informellerem Rahmen. Sei es beim Essen in einem indischen Restaurant in der Gegend um den Piccadilly Circus, bei gezapften Pints aus der Brixton Brewery im an unser Hotel grenzenden Pub «Prince Of Wales» in Brixton, bis dort schliesslich allzu früh die «Last Order» ausgerufen wird.

Den zweiten Tag leiten wir mit einer Seminareinheit im Deutschen Historischen Institut am Bloomsbury Square ein. Wir diskutieren die Royal Navy, die Navigation auf den Weiten der Ozeane, die Immigration aus den West Indies und Bangladesch sowie, damit zusammenhängend, das Essen in «Imperial London». Am Nachmittag macht uns der Tourist Guide in Canary Wharf die Handels- und Finanzpolitik und später in Greenwich die Stellung Londons als Wissensapparat deutlich, etwa durch die Festlegung des Nullmeridians und der Greenwich Mean Time.

Entführt? Gerettet? Das Schicksal von Ramses II
Das Wissen steht auch am dritten Tag inmitten des Sammelsuriums von Artefakten und Objekten aus den Kolonien im British Museum im Mittelpunkt. Im Fokus steht die Statue Ramses II, die von Giovanni Battista Belzoni (1870-1920) aus Theben abtransportiert wurde. Handelt es sich dabei um Grabräuberei oder wurden durch das Sammeln im britischen Empire Kunst- und Kulturschätze vor dem Untergang bewahrt? An dieser Frage im Spannungsfeld des Wissens- und des Eigentumsbegriffes entzündet sich eine flammende Diskussion. Der Nachmittag endet mit einer Visite der Bank of England, wo Grossbritannien als Währungsimperium verständlich wird. Der Goldstandard von 1816 bis 1931 verlieh dank der Deckung des britischen Pfunds durch Goldreserven ökonomische Stabilität. Zudem übte das Empire seinen Einfluss auch in Teilen Südamerikas aus, wo das Pfund Handelswährung war.

Der Tag verhallt mit dem Stück «Nell Gwynn» von Jessica Swale in Shakespeares Globe Theatre. Erzählt wird die Lebensgeschichte der Schauspielerin Gwynn, die in den 1660er- und 1670er-Jahren die Mätresse von König Charles II war. Weil sie wenig von Standesunterschieden hielt, war sie beim Volk sehr beliebt. Klassenunterschiede gibt es auch im heutigen, rekonstruierten Globe Theatre kaum, zumindest nicht auf den günstigeren Plätzen im Yard. Bei Bier und Chips wird geklatscht, gejohlt und Freud und Leid mit den Bühnenfiguren geteilt. Diese beziehen das Publikum gleich mit in die Handlung ein. Es ist ein sehr gelungener, heiterer Abschluss des Tages.

William Turner und Cartoons
Der vierte Tag steht im Zeichen von «the Empire and the Arts». Und wo könnte dieses Thema besser eingeleitet werden als in der Tate Britain in London? Nach der Betrachtung einiger Gemälde von J.M.W. Turner (1775-1851) beschäftigt uns die Kunst auch während der Seminareinheit. Durch einige Fallbeispiele entdeckt die Gruppe das britische Empire auch in der Malerei. In verschiedenen Abbildungen wird das Zusammenspiel von Imperialismus und Anti-Imperialismus deutlich. Während dem Betrachter im Cartoon «Animals of the Empire» zum Beispiel die Faszination für das Fremde und Exotische vermittelt wird, parodiert die Karikatur «The Rhodes Colossus» von Edward Linley Sambourne das Grossprojekt des Kap-Kairo-Plans und den damit verbundenen Grössenwahn der Imperialisten, in diesem Fall von Cecil John Rhodes.

Ist London nun eine «Imperial City»? Und wo findet man das Empire heute in London? Diese Frage stellen wir in der letzten Seminareinheit auch dem deutschen Historiker Dominik Geppert, der mit einer Arbeit über die Entstehung des Thatcherismus in Grossbritannien promoviert hat. Seiner Meinung nach wird das Empire vor allem in Museen bewusst thematisiert, da es sich für Engländer noch immer um ein schwieriges Thema handelt und eine Positionierung vielen Briten schwer fällt. Im öffentlichen Raum Londons sei das Empire auch aufgrund der Diversität der Menschen sichtbar. Siegfried Weichlein fügt dieser Anmerkung hinzu, dass die Einwanderer aus den Kolonien einen Segen über die britische Küche bringen konnten. Bei einem gemeinsamen Essen in einem Restaurant aus dem Punjab lassen wir uns zum Abschluss der Reise gerne davon überzeugen.

Christoph Ramser & Isabelle Schmidt

Christof Ramser ist Masterstudent in Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Isabelle Schmidt ist Masterstudentin in Europastudien und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg.

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Auteurs

Christof Ramser ist Masterstudent in Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Isabelle Schmidt ist Masterstudentin in Europastudien und Zeitgeschichte an der Universität Freiburg.

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