Migration und Identität: Wieviel Fremdes hat Platz im Vertrauten?

Migration und Identität: Wieviel Fremdes hat Platz im Vertrauten?

In der Geschichte der Schweiz wurde immer wieder das Gemeinsame stärker ins Zentrum gerückt als das Trennende. Doch die Frage über den Umgang mit Flüchtlingen und Migration spaltet das Land. Vor diesem Hintergrund tauschen sich an dieser internationalen Konferenz europaweit anerkannte Wissenschaftler über das Landesimage und das Entstehen von nationaler Identität aus.

Frau Professorin Ingehoff, was macht das Beispiel «Schweiz» besonders geeignet, um über das Thema Identität zu reden?
Die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), die die diese Veranstaltungsreihe initiiert hat, schreibt dazu, kurz zusammengefasst: «La Suisse n’existe pas» – unter diesem Motto des Künstlers Ben Vautier präsentierte sich der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung von 1992 in Sevilla. Im Kontext des Vorführens nationaler Identität, als das sich das Format der Weltausstellung verstehen lässt, war diese Anspielung auf die vier Landessprachen eine provokative Setzung. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, lässt sie eine Vielzahl weiterer Assoziationen zu und scheint aktueller denn je. Weiterhin zeichnet sich die Schweiz durch relativ starke lokale und regionale Dimensionen (Gemeinden, Ortschaften, Regionen, Kantone) einerseits und eine relativ schwache nationale Dimension andererseits aus. Hinzu kommt eine grosse Vielfalt sowohl auf sprachlicher, politischer und ökonomischer als auch auf kultureller Ebene.

Der Event ist Teil einer Vortragsreihe «Migration und Mobilität» der SAGW. Was können Geistes- und Sozialwissenschaftler speziell herausfinden?
Die Geistes- und Sozialwissenschaften richten den Blick auf Fragen wie: Wie entsteht ein geteiltes, historisches Bewusstsein, wie wird eine gemeinsame Identität einer «Willensnation» im Herzen Europas medial konstruiert, und welche Diskurse herrschen darin vor? Wie wird Identität medial konstruiert, argumentativ genutzt, wie bekommt man die Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Ambivalenz dieses Konstrukts und seiner von verschiedenen Akteuren geprägten Diskurse in Verbindung mit Migration in den Blick?

Wer wird an dieser Konferenz auftreten?
Ruth Wodak, Autorin des Buchs «Politik mit der Angst», diskutiert über die Polarisierung von Nationen und Gesellschaften, in der die nationalistische, xenophobe Rhetorik immer grössere Akzeptanz findet und zur Normalität wird. Camelia Beciu analysiert die Kontexte und Diskurse der innereuropäischen Migration, Alina Dolea verbindet den Blick nach aussen und die Konstruktion des Fremdbildes «der Anderen» mit dem Selbstbild nach innen, dem «wir» und «uns». Julia Metag zeigt Forschungen über die Einstellung gegenüber Flüchtlingen und den Zusammenhang zur Mediennutzung, Alexander Buhmann beleuchtet die Fallbeispiele Norwegen und Schweden, und die Veranstalterin Diana Ingenhoff führt in den historischen Diskurs ein und zeigt, welche Dimensionen und Perspektiven bei der Konstruktion von Identitäten und Landesimages zum Tragen kommen, und wie diese in medialen und institutionellen Diskursen geprägt werden. Eine anschliessende Diskussionsrunde beleuchtet die weitreichenden Folgen des sich international verstärkenden rechtspopulistischen Diskurses.

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Marius Widmer

Ist im Grüezi-Land aufgewachsen, das Schicksal zieht ihn jedoch immer wieder nach Freiburg. Zuerst für die Rekrutenschule, dann fürs Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, später fürs Wohnen und nun sogar noch fürs Arbeiten. Leiter des Dienstes Unicom mit einem Faible für fast alles, was mit Sport zu tun hat.

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Ist im Grüezi-Land aufgewachsen, das Schicksal zieht ihn jedoch immer wieder nach Freiburg. Zuerst für die Rekrutenschule, dann fürs Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, später fürs Wohnen und nun sogar noch fürs Arbeiten. Leiter des Dienstes Unicom mit einem Faible für fast alles, was mit Sport zu tun hat.

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