«Differenzen sind ein Reichtum für die Menschheit»

«Differenzen sind ein Reichtum für die Menschheit»

Am 17. Juli ist Welt-Emoji-Tag. Gespräch mit Prof. Roberto Caldara, Experte für visuelle und soziale Neurowissenschaften am Departement für Psychologie.

Roberto Caldara, Sie erforschen die Wahrnehmung und den Gesichtsausdruck von Emotionen in verschiedenen Kulturen. Die Gesichtsausdrücke wurden lange Zeit als «universale Sprache der Gefühle» bezeichnet. Inwiefern widerspricht Ihre Forschung dieser Aussage?
Einerseits sind emotionale Kategorien wie Freude, Angst usw. universal. Auf der anderen Seite haben unsere Forschungen deutlich gezeigt, dass die Art und Weise, wie Mimik über Kulturen hinweg übertragen und dekodiert wird, unterschiedlich ist. Menschen aus dem Westen verwenden alle Gesichtszüge, um Emotionen zu übertragen und zu entschlüsseln, während Menschen aus dem Osten sich bevorzugt auf die Augenregion konzentrieren. Es gibt daher verschiedene Sprachen für die Übertragung von Emotionen: Menschen aus dem westlichen Kulturkreis verwenden ein 🙂 , um Freude auszudrücken und ein 🙁 für Traurigkeit. Menschen aus dem Osten hingegen bevorzugen jeweils ein  ^_^ und ;_; . Diese heben den Unterschied in den Augen hervor, während die Augenpartie neutral bleibt. Deshalb ist es manchmal schwierig, Gefühle von Menschen zu entschlüsseln, die einer anderen Kultur angehören.

Je nachdem, welches Smartphone wir verwenden, z.B. ein Samsung und ein iPhone, werden einige Emoijs anders dargestellt. Dadurch ändern sich die zu vermittelnden Botschaften und Emotionen teilweise grundlegend. Machen Emojis denn überhaupt noch Sinn?
Die Emojis spiegeln auch nur die Kultur ihrer Entwickler wider: Südkorea für Samsung und die USA für das iPhone. In diesem Sinne ist es möglich, dass einige Emotionen für die eine oder andere dieser Kulturen nicht optimal übertragen werden, weil die Emojis unter Umständen die Zeichen, welche für die eine oder andere Kultur spezifisch sind, über bestimmte Gesichtszüge betonen, z.B. die Augen für Korea und der Mund für die USA.

Apple hat mit der Lancierung des neuen iPhone X auch die Animojis eingeführt. Mit Animoji können wir personalisierte und animierte Charaktere erstellen und teilen, für welche die eigene Stimme und die eigenen Gesichtsausdrücke verwendet werden. Wie schätzen Sie die Zukunft ein?
Unsere Forschung zeigt, dass das Decodieren von dynamischen Gesichtsausdrücken (z.B. über Videos) besser ist als das statische Decodieren (z.B. über Fotos). Daher sollten Animojis – die eher individualisiert sind – die Übertragung und Entschlüsselung von Emotionen im Vergleich zu den Emojis deutlich verbessern. Aber es ist zu diesem Zeitpunkt noch eine Behauptung, die es verdient, empirisch verifiziert zu werden.

Unterschiede in der Wahrnehmung von Emotionen bemerken wir aber schon lange, bevor wir das erste Mal ein Smartphone in der Hand halten …
Unsere jüngsten Untersuchungen zeigen, dass kulturelle Unterschiede bereits im Alter von 7 Monaten gut verankert sind. Ich hoffe aufrichtig, dass diese weiterhin bestehen bleiben, denn diese Differenzen sind ein Reichtum für die Menschheit, nicht das Gegenteil. Ich hoffe deshalb, dass die Globalisierung zumindest diesen Kampf nicht gewinnt.

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Angela Hoppmann

Angela Hoppmann ist Germanistin, Philosophin und Autorin, seit 2018 zudem Redaktorin und Social Media Expertin im Team Unicom. Sie bezeichnet sich selbst als Textarchitektin und verfasst in ihrer Freizeit Romane und Kurzgeschichten – wenn sie nicht gerade Tango tanzt, ihre sechste Sprache lernt oder mit Hund Nietzsche unterwegs ist.

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Angela Hoppmann ist Germanistin, Philosophin und Autorin, seit 2018 zudem Redaktorin und Social Media Expertin im Team Unicom. Sie bezeichnet sich selbst als Textarchitektin und verfasst in ihrer Freizeit Romane und Kurzgeschichten – wenn sie nicht gerade Tango tanzt, ihre sechste Sprache lernt oder mit Hund Nietzsche unterwegs ist.

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