Libra: Facebook gegen die Zentralbanken

Libra: Facebook gegen die Zentralbanken

«Läutet Libra die Totenglocke für die Zentralbanken?» war die Frage eines Kolloquiums der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Hier eine kurze Einführung in die Welt des Online-Geldes – und die Videos sämtlicher Vorträge.

Was ist Libra?
Libra ist eine digitale Währung, beziehungsweise: Libra wird eine Digitalwährung sein. Facebook hat ihren Start für 2020 angekündigt und ein 12-seitiges Whitepaper publiziert. Seither wird darüber diskutiert, wie Libra genau aussehen und welche Folgen es haben wird.

Herausgegeben wird Libra von der «Libra Association», einer Stiftung mit Sitz in der Schweiz. Dieser sind nebst Facebook bislang knapp 30 Unternehmen und Organisationen beigetreten, darunter Firmen wie Spotify oder Uber. Paypal, Visa, Mastercard und Ebay haben die «Libra Association» bereits wieder verlassen. Ebenfalls nicht dabei sind Facebooks Konkurrenten (Apple, Amazon, Google, Twitter, Microsoft). Auch Banken sind nicht mit von der Partie.

Wie soll Libra funktionieren?
Mit Libra sollen Nutzer online einkaufen und Geld verschicken können. Man kauft z.B. für Schweizer Franken Libra, speichert sein Guthaben in einer digitalen Geldbörse und nutzt es, um im Internet Schuhe zu kaufen oder seinem Schwager in Bolivien Geld zu überweisen. Dabei sollen geringere Transaktionskosten anfallen als bisher.

Facebook hat gemäss eigenen Angaben explizit auch jene 1,7 Milliarden Menschen im Blick, die kein Bankkonto haben. Sie leben in armen Ländern und sind oft starken Wechselkursschwankungen und hoher Inflation ausgesetzt.

Welche Stärken hat Libra?
Libra will ein technisch besseres Finanzsystem schaffen, welches effizienter und billiger sein soll und damit auch ärmere Menschen erreicht, die heute für Banken uninteressant sind. Facebook greift damit nebst den klassischen Banken auch Dienste wie Western Union oder Moneygram an, die internationale Überweisungen anbieten, aber relativ hohe Gebühren verlangen.

Libra, Bitcoin: Ist das nicht dasselbe?
Nein. Zwar sind beides Kryptowährungen, die Alternativen zum etablierten Finanzsystem anbieten wollen, sie verfolgen aber sehr unterschiedliche Philosophien. Bitcoins Idee kann mit Gold verglichen werden, eine Nähe, die auch sprachlich hergestellt wird: Bitcoins werden von Nutzern «geschürft» (ihre Computer rechnen komplizierte Operationen durch), wobei grundsätzlich alle gleich lange Spiesse haben und die maximale Anzahl Coins beschränkt ist. Das macht Bitcoin resistent gegen Inflation. Es gibt keine Zentralbank und die Transaktionen laufen über ein dezentrales Netz, weshalb sie praktisch nicht überwacht oder reglementiert werden können – was die Währung auch für Kriminelle interessant macht.

Libra ist herkömmlichen Währungen ähnlicher. Es wird durch die Libra Association herausgegeben, die auch die Wechselkurse gegenüber den wichtigsten Weltwährungen überwacht. Transaktionen werden über eine zentrale Datenbank abgewickelt. Libra wird nutzerfreundlicher sein als Bitcoin. Es ist aber anfälliger für regulatorische Eingriffe, und weil es an Facebook und andere Grosskonzerne gekoppelt ist, gibt es zumindest ernsthafte Bedenken bezüglich Datenschutzes.

Weshalb wird Libra kritisiert?
Kritiker monieren, das Projekt Libra sei noch komplett schwammig. Wie ein digitaler Rorschachtest, in den alles Mögliche hineingelesen wird. Ganz besonders aber wird kritisiert, Libra sei ein typsicher Silicon-Valley-Versuch, soziale Probleme durch technische Mittel zu lösen. So ignorieren die Libra-Macher, dass die gern zitierten 1,7 Milliarden Menschen ohne Konto vor allem deswegen keines besitzen, weil sie schlicht kein Geld haben, das sie dort einzahlen könnten.

Fragwürdig ist aber auch, dass Facebook und Co. die Macht der Zentralbanken – insbesondere in Entwicklungsländern – angreifen. Diese mögen nicht perfekt sein, sind aber immerhin besser legitimiert, als die Libra-Konzerne. Die Staaten würden an Einfluss auf das Geld- und Finanzsystem einbüssen, was nicht im Sinn der Bürgerinnen und Bürger sein kann.

Hinzu kommen Fragen, welche Daten wo gespeichert werden und wer sie alles einsehen kann. «Entweder Libra ist anonym» moniert ein IT-Berater, «dann ist das gut für die Nutzer, aber auch für Geldwäscher und Kriminelle. Oder Libra ist nicht anonym – dann können Facebook und seine Partner noch präzisere Nutzerprofile erstellen und eine bombastische Datenmacht erlangen».

Nicht zuletzt sind diverse rechtliche Fragen rund um Libra bislang ungeklärt.

Kolloquium «Läutet Libra die Totenglocke für die Zentralbanken?»

Die folgenden Videodateien zeigen Ausschnitte aus dem Kolloquium vom 03.10.2019.

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  • Kolloquium mit den Details zum Programm in der Agenda der Unifr.

 

Benedikt Meyer

War schon Wünscheerfüller, Weinbauhelfer, Unidozent, Redaktionsleiter, Veloweltreisender und kleinkünstlerischer Dada-Experte. Ist dank dem Science Slam an der Universität Freiburg gelandet.

Author

War schon Wünscheerfüller, Weinbauhelfer, Unidozent, Redaktionsleiter, Veloweltreisender und kleinkünstlerischer Dada-Experte. Ist dank dem Science Slam an der Universität Freiburg gelandet.

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