«Das System wird sich biegen»

«Das System wird sich biegen»

Die Corona-Pandemie hat auch einen Einfluss darauf, wie wir uns politisch vernetzen und engagieren. Während 2019 noch Tausende auf den Strassen demonstrierten, war der diesjährige Frauen*streik etwas zurückhaltender –  aber deswegen nicht weniger bedeutend. Améthyste und Maïna, Aktivistinnen und Co-Präsidentinnen im Verein EquOpp, erzählen uns, was sie in dieser aussergewöhnlichen Zeit besonders bewegt, ärgert und politisch antreibt.

Was ist und was will EquOpp?
EquOpp vertritt die AGEF-Kommission für Gleichheit und soziale Gerechtigkeit. Wir sind derzeit 19 Studierende aus verschiedenen Fakultäten der Universität Freiburg. Ziel ist, die verschiedenen Universitätsorgane für die in ihnen vorhandenen Diskriminierungen zu sensibilisieren. Wir setzen uns für das soziale und assoziative Leben der Universität Freiburg ein und organisieren Veranstaltungen (Konferenzen, Ausstellungen) zum Umgang mit verschiedenen Diskriminierungen (Transidentitäten, Feminismus, Weisssein usw.).

Welche Aufgaben übernehmen Sie als Co-Präsidentinnen?
Die Organisation von EquOpp soll so horizontal wie möglich sein. Die Mitglieder organisieren sich selbst und schliessen sich für jedes Projekt einer Arbeitsgruppe an, je nach Interesse und Wunsch. Als Co-Präsidentinnen stellen wir sicher, dass wir einen Überblick haben und für die verschiedenen Probleme und Fragen, die auftreten können, zur Verfügung stehen.

EquOpp hat sich letztes Jahr am Frauen*streik beteiligt. Hat es etwas gebracht?
Im vergangenen Jahr hat EquOpp hauptsächlich daran gearbeitet, die Studentenschaft für feministische Themen und die Existenz des Frauen*streiks zu sensibilisieren. Die Mitglieder von EquOpp waren am Kollektiv und an der Organisation des 14. Juni 2019 beteiligt, was zu einer engen Zusammenarbeit und guten Kommunikation mit der Studentenschaft führte. Allerdings war es angesichts der Zeit, in der der Streik stattfand, schwierig, Studium und Investitionen unter einen Hut zu bringen. EquOpp trug insbesondere dazu bei, dass die Studentenschaft am 14. Juni keine Prüfungen hatte, um die Forderungen des Frauen*streiks zum Ausdruck zu bringen.

Wie hat der Streik Sie persönlich beeinflusst?
Améthyste: Der Frauenstreik vom 14. Juni 2019 hat mich sehr berührt. Zunächst einmal in einer sehr positiven Weise, denn das Gefühl der Stärke und der Schwesternschaft war sehr stark und hoffnungsvoll. Aber es gibt einen Hauch von Traurigkeit in dieser Erinnerung, denn 2019 und erneut 2020 müssen wir auf die Strasse gehen und für die Grundrechte demonstrieren, die unsere Grossmütter und Mütter bereits in den 1960er Jahren forderten. Mehr als 50 Jahre später hat sich wenig geändert, und in der heutigen patriarchalischen und kapitalistischen Gesellschaft ist die Gleichheit für alle noch nicht erreicht. Deshalb war ich am Sonntag, dem 14. Juni 2020, erneut auf dem Georgette-Python-Platz, um zu beweisen, dass unsere Entschlossenheit nicht wanken wird: Das System wird sich biegen und die Gleichheit wird erreicht werden. Sehr bald.

Maïna: Der Frauen*streik hat mich auch sehr berührt. Ich empfand ein immenses Gefühl des Stolzes, auf meiner Ebene an dieser Demonstration teilnehmen zu können und die Anzahl der Menschen zu sehen, die sich mobilisiert haben. Es bleibt jedoch noch viel zu tun, und die Kämpfe gehen weiter.

Wie hat sich die Coronavirus-Pandemie auf Ihren Aktivismus bzw. den Verein EquOpp ausgewirkt? 
Unser Aktivismus ist nur noch stärker geworden. Tatsächlich haben sich die Ungleichheiten während des Coronavirus noch verschärft, insbesondere in den Frontberufen (Verkauf, Reinigung, medizinische Versorgung), die überwiegend von Frauen* besetzt und gesellschaftlich wenig anerkannt sind. Innerhalb der Universität haben sich die Ungleichheiten verfestigt (Zugang zu Technologie – Computer, stabiles WiFi-Netzwerk –, ruhiger und günstiger Studienort, psychische Gesundheit, Arbeitslosigkeit). In Bezug auf EquOpp mussten wir die Organisation überprüfen: alle Veranstaltungen wurden zurückgestellt, die Sitzungen wurden per Zoom durchgeführt. Wir hielten unser feministisches Treffen jedoch online und in sozialen Netzwerken ab.

Kann man mit Cyberaktivismus oder Einzelaktionen die Demonstrationen auf der Strasse ersetzen?
Nein. Es handelt sich um zwei komplementäre Methoden, die nicht dem gleichen Zweck dienen. Vielmehr wird Cyber-Aktivismus eingesetzt, um das Bewusstsein zu schärfen, Informationen und Ressourcen bereitzustellen, während Demonstrationen Forderungen an politische und institutionelle Gremien darstellen. Diskriminierung ist systemisch, und individuelle Massnahmen reichen nicht aus, um sie wirksam zu bekämpfen.

Was waren Ihre Themen am diesjährigen Frauen*streik?
Unsere Forderungen sind die gleichen wie die auf der Webseite des Frauen*streiks.

Sie haben beide je einen feministischen Wunsch frei. Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern?
Améthyste: Dass die Forderungen des Frauen*streiks unverzüglich umgesetzt werden.

Maïna: Die Abschaffung des patriarchalischen, kapitalistischen und rassistischen Cis-tems, in dem wir leben.

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Info«Frauen*streik» wird manchmal mit einem sog. Gendersternchen versehen, um darauf aufmerksam zu machen, dass «Frau» auch nur eine sozial konstruierte Kategorie ist. Es gibt keine «natürliche Art», Frau zu sein.Cis ist das Gegenteil von trans und bedeutet, dass eine Person sich im Geschlecht wohlfühlt, welches ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Author

Angela Hoppmann ist Germanistin, Philosophin und Autorin, seit 2018 zudem Redaktorin und Social Media Expertin im Team Unicom. Sie bezeichnet sich selbst als Textarchitektin und verfasst in ihrer Freizeit Romane und Kurzgeschichten – wenn sie nicht gerade Tango tanzt, ihre sechste Sprache lernt oder mit Hund Nietzsche unterwegs ist.

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