Ein Leben zwischen Hörsaal und Stadion

Ein Leben zwischen Hörsaal und Stadion

Er spielte schon zusammen mit NBA-Star Clint Capela und ist mit 19 Jahren Nationalspieler: Nun haben Sport und Studium den Tessiner Basketballer Yuri Solcà nach Freiburg gelockt. Ihn erwartet ein anstrengender Lebensstil, das Feiern überlässt er deshalb lieber seinem WG-Partner.

«Ich mag es nicht, wenn das Leben leicht ist», sagt Yuri Solcà. Er ist der Typ, der Herausforderungen liebt. Der Tessiner ist erst 19 Jahre alt, spielt aber bereits in der Basketball-Nationalmannschaft, läuft neu für den Meister und Champions-League-Teilnehmer Freiburg Olympic auf – und beginnt nächsten Monat auch noch sein BWL-Studium an der Universität Freiburg. «Da kommt einiges zusammen», sagt Solcà und lacht. Er kennt das zwar schon aus seiner Zeit im Tessin, als er ebenfalls neben der Schule oft trainierte, bevor er letzte Saison ein Jahr Pause machte und sich ganz auf den Basketball konzentrierte. «Damals ging ich oft um 6 Uhr aus dem Haus und war erst um 22 Uhr zurück. Aber nun wird es wohl noch dreimal härter. Erstens ist das Studium sicher fordernd, zweitens ist Olympic der beste Basketball-Club der Schweiz.» Die Freiburger gewannen zuletzt zweimal in Folge den Schweizer Meistertitel, entsprechend hoch sind die Ansprüche an die Spieler. Olympic trainiert meist zweimal pro Tag. Hinzu kommen bis zu zwei Spiele pro Woche. Da der Club auch an internationalen Wettbewerben teilnimmt, kann so ein Match auch mal an einem Mittwochabend in Griechenland stattfinden. Klar deshalb, dass Solcà auf beiden Seiten Kompromisse eingehen muss. «Ich habe den Stundenplan und den Busfahrplan gut studiert, um möglichst effizient zwischen dem Stadion im St. Léonard und dem Hörsaal im Pérolles hin und her zu pendeln. Aber wie das in der Praxis funktioniert, werde ich im September sehen, wenn die Vorlesungen beginnen.» Für den Fall, dass sich Examen und Spiele überschneiden, hat die Uni dem jungen Basketballer versprochen, die Prüfungsdaten an den Spielplan anzupassen.

Endlich wieder mit Gleichaltrigen
Yuri Solcà freut sich auf den Ausgleich zum Sportlerleben. «Als ich mich ausschliesslich auf den Sport konzentrierte, hat mir der Kontakt zu Gleichaltrigen gefehlt. Ich und die Grossen – so fühlte es sich in meiner Welt an.» Das ändert sich nun. Anfang August ist er mit seinem besten Freund, der ebenfalls in Freiburg studiert, in eine WG im Schönberg-Quartier gezogen. «Und auch sonst kenne ich viele Leute, die Tessiner Fraktion ist in Freiburg ja traditionell gross.»

WG und Studium werden oft auch mit Party assoziiert. «Das überlasse ich meinem Mitbewohner, der feiert gerne», wiegelt Solcà sofort ab. «Ich habe ihm aber bereits gesagt, dass er das ohne mich tun muss. Erstens bin ich nicht der Typ, der gerne Party macht, zweitens muss ich bei Olympic die Einstellung eines Profis an den Tag legen.»

Tolle Erinnerungen an Freiburg
Von der Stadt Freiburg hat Solcà noch nicht viel gesehen, mit dem Basketball-Stadion verbindet er aber bereits sehr gute Erinnerungen. Dort gab er im EM-Qualifikationsspiel gegen Portugal vor ziemlich genau einem Jahr sein Länderspiel-Debüt. Es war ein besonderes Spiel, erstmals seit langem lief NBA-Star Clint Capela wieder für die Schweizer Nationalmannschaft auf. Entsprechend war das Stadion mit 3000 Zuschauern ausverkauft. Wie war es, als damals 18-Jähriger plötzlich neben einem Spieler aufzulaufen, der in der besten Liga der Welt spielt und dort 18 Millionen Dollar pro Jahr verdient? «Das war sehr speziell. Da bist du als junger Spieler natürlich zunächst einmal beeindruckt.» Viel geredet habe er mit dem Spieler der Atlanta Hawks deshalb nicht, trotzdem habe Capela ihm weitergeholfen. Einige Tage vor seinem ersten Pflichtspiel lief Solcà bereits in einem Testspiel gegen die Elfenbeinküste für die Schweiz auf. «Es war offensichtlich, dass ich sehr nervös war. Also nahm mich Clint in der Pause zur Seite und sagte mir, ich sei gut, solle einfach auf meine Stärken vertrauen. Das hat mich sofort beruhigt. Wie könnte es auch anders sein, wenn dir das ein Spieler mit einem solchen Palmarès sagt.»

Dass der 188 Zentimeter grosse Spielmacher bereits mit 18 Jahren zu seinem Nati-Debüt kam, passt zu dem Verlauf seiner Karriere. Als Solcà, der als Kind auch noch Tennis und Fussball spielte, im Alter von fünf Jahren mit Basketball begann, kam sein Talent schnell einmal zum Vorschein. Mit 15 spielte er beim Tessiner Club Massagno bereits in der U19 und der U23, auch in der Schweizer Nationalmannschaft gehörte er regelmässig zu den Nachwuchsauswahlen. In Freiburg will er nun definitiv im Erwachsenen-Basketball ankommen. «Wenn ich auf dem Feld bin, will ich spüren, dass mir meine Mitspieler vertrauen.» Das habe ihm in der letzten Saison, als er in der Nationalliga A für Massagno und Vevey auflief, bei beiden Clubs gefehlt.

Der Traum vom Ausland
Bei Olympic hat Solcà einen Dreijahres-Vertrag unterzeichnet. In dieser Zeit hofft er, das Bachelor-Studium abzuschliessen. «Dann bin ich 22 und habe hoffentlich auch auf dem Feld viel dazugelernt. Wer weiss, vielleicht ist dann ein Engagement im Ausland möglich.» Solcà will sich keine Grenzen setzen – das hat er sich sogar auf den Oberarm tätowieren lassen. «Never say never, because limits, like fears, are often just an illusion», steht dort. Ein Zitat von Basketball-Legende Michael Jordan. Überhaupt mag der junge Tessiner Zitate. „Don’t love me, hate me“, zitiert er in seinem WhatsApp-Status seinen Jugendhelden Kobe Bryant, den Basketball-Spieler, der im Januar bei einem Helikopter-Absturz ums Leben kam. Ein Satz, das so gar nicht zum Auftreten Solcàs, der während des Gesprächs viel und gerne lacht, passen will. «Das ist definitiv nicht meine Lebenseinstellung», sagt er und lacht laut auf. «Das habe ich vor ein paar Jahren geschrieben, keine Ahnung wieso, es klang wohl einfach cool. Ich muss definitiv mal wieder meinen Status ändern. Denn selbstverständlich will ich nicht, dass die Leute mich hassen.» Yuri Solcà macht sich das Leben nicht leicht, aber er versucht, es mit einem Lächeln zu meistern.

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Author

Interessierte sich an der Uni für Medien, Politik und Geschichte. Als Journalist stand dann aber erst mal der Sport im Vordergrund. Derzeit arbeitet er im Homeoffice für die Uni und versucht seine beiden Jungs davon abzuhalten, während der Interviews herumzuschreien.

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