Historische Kommunikationsforschung

Im Forschungsbereich Historische Kommunikationsforschung beschäftligt sich das Team von Prof. Dr. Philomen Schönhagen mit verschiedenen Fragen der Geschichte der gesellschaftlichen Kommunikation und ihrer Medien sowie mit Theorie- und Fachgeschichte. Schwerpunkte liegen dabei auf der Entstehung des Journalismus und seiner Rolle für den gesellschaftlichen Diskurs, der Frühzeit des Zeitungswesens, der Ko-Evolution zwischen Journalismus und Public Relations sowie frühen Beiträgen zur Theorie gesellschaftlicher Kommunikation. Dabei kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, wie etwa die qualitative und quantitative Inhaltsanalyse sowie Literatur- und Dokumentenanalysen (historische Quellenarbeit).

 

Forschungsprojekte

 

  • Gesellschaft als kommunikatives Netzwerk: Albert E. F. Schäffles Werk "Bau und Leben des socialen Körpers"
    • Projektteam: Philomen Schönhagen, Mike Meißner, Brigitte Hofstetter
    • Laufzeit: seit 2016
    • Förderung: Eigenmittel

     

    Heute ist es ganz selbstverständlich von der "Netzwerkgesellschaft" zu reden – wie etwa im Titel von Manuel Castells‘ Buch "The rise of the network society" (1996; dt. 2001). Auch ist in der Literatur bisweilen davon die Rede, dass Medien das zentrale Nervensystem der modernen Gesellschaft darstellen (vgl. Real 1989: 13; van Dijk 2012: 22). Beide Vorstellungen wurden jedoch schon viel früher ausgearbeitet: von dem Nationalökonomen Albert Schäffle in seinem Hauptwerk "Bau und Leben des socialen Körpers" (1875- 1878, vier Bände). Darüber hinaus beinhaltet dieses Werk eine ganze Reihe weiterer spannender Aspekte, insbesondere einen alternativen Ansatz zum Verständnis gesellschaftlicher Kommunikation bzw. von Massenkommunikation, der hochaktuell ist. Schäffle betrachtet gesellschaftliche Kommunikation als diskursives Netzwerk – eine Vorstellung, wie wir sie in ähnlicher Form in der Medien- und Kommunikationswissenschaft erst deutlich später, in der deliberativen Öffentlichkeitstheorie, finden. Schäffle ist wohl auch der erste Wissenschaftler, der Öffentlichkeit als Sphäre von Kommunikation konzipiert hat. Zudem weisen seine Ideen einige überraschende Parallelen mit Annahmen der Luhmann’schen Systemtheorie auf. Nicht zuletzt ist Schäffle mit seinen Reformvorschlägen für die stark wirtschaftsabhängige Presse seiner Zeit auch als ein Vordenker öffentlich-rechtlicher Medien zu betrachten.

    Trotz all dieser Pionierleistungen im Bereich der Kommunikations- und Öffentlichkeitstheorie ist Schäffle vornehmlich als soziologischer und volkswirtschaftlicher Klassiker bekannt. In der deutschsprachigen wie internationalen Medien- und Kommunikationswissenschaft wird sein Werk zwar ebenfalls zur Kenntnis genommen, jedoch vorwiegend in fachhistorischen Zusammenhängen und weniger im Kontext theoretischer Überlegungen. Das Projekt hat zum Ziel, Schäffles theoretische Anregungen umfassend aufzuarbeiten. Denn seine zur damaligen Zeit auch international einflussreichen Ideen können auch gegenwärtige Diskussionen im Fach befruchten, so etwa jene um ökonomische Einflüsse auf den Journalismus und seine Finanzierung.

     

    Präsentationen und Publikationen:

    • Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2018): Society as communicative network: Albert Schäffle's pioneering concept with cross-border influence. SGKM-Jahrestagung «Next-door giants. Exploring Media, Languages, Cultures and Borders in Switzerland and Europe». Lugano, 13.04.2018.
    • Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2016): A forerunner of conceptualizing society as communicative network: Albert E. F. Schäffle’s work Bau und Leben des socialen Körpers [Structure and Life of the Social Body] (1875-78). 6th European Communication Conference (ECC) «Mediated (Dis)Continuities: Contesting Pasts, Presents and Futures». Prague, 10.11.2016. PDF (Book of Abstracts)
  • Die Fachidentität der Schweizer Kommunikations- und Medienwissenschaft. Eine Analyse der Erkenntnisinteressen, Untersuchungsobjekte, Theorien und Methoden von Abschlussarbeiten kommunikations- und medienwissenschaftlicher Institutionen
    • Projektteam: Franziska Oehmer & Tobias Rohrbach
    • Laufzeit: 10/2016-03/2018
    • Förderung: Schweizerische Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung SGKM

     

    Studien zum Fachverständnis analysieren meist den Status Quo einer Disziplin. Eine historische Perspektive, die Entwicklungsschübe nachzeichnet, wird dabei häufig nicht eingenommen. Zudem erlauben bestehende Studien meist nur Erkenntnisse über die Kommunikationswissenschaft in Deutschland oder allgemein für den deutschsprachigen Raum. Lediglich einige wenige Publikationen wurden über einzelne Schweizer Institute verfasst. Spezifische Erkenntnisse zur Fachidentität in der gesamten Schweizer Kommunikations- und Medienwissenschaft und damit auch zum Einfluss sprechregionaler Besonderheiten liegen bisher jedoch nicht vor. Zudem gibt es bisher keine Studie, die explizit auf die Bedeutung des Hochschultyps (Fachhochschule, Universität) für die Entwicklung der Fachidentität fokussieren. Mit vorliegendem Projekt sollen diese Forschungslücken geschlossen werden. Die Studie wird von folgenden Fragestellungen geleitet:

    1. Wie hat sich die fachliche Identität der Kommunikations- und Medienwissenschaft in Bezug auf die behandelten zentralen Fachgegenstände, Theorien und Methoden an Schweizer Hochschulen in diachroner Perspektive entwickelt? 
    2. Können dabei Unterschiede
    2.1 nach Hochschultypus (Fachhochschule, Universität) sowie
    2.2 nach Sprachregion festgestellt werden?

    Die Studie basiert methodisch auf einer quantitativen Inhaltsanalyse studentischer Abschlussarbeiten verschiedener Qualifikationsniveaus (Lizentiat, Diplom, Bachelor, Master, Doktorat). Abschlussarbeiten eignen sich für das Erkenntnisinteresse der Studie, da sie im besonderen Masse die Forschungsschwerpunkte der Dozierenden widerspiegeln.


    Publikationen und Präsentationen:

    • Franziska Oehmer & Tobias Rohrbach. Verwendung theoretischer Konzepte und Ansätze in der Schweizer Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Eine synchrone und diachrone Analyse. Präsentation auf der Pre-Conference „Neue Theorien (in) der Kommunikationswissenschaft“ im Rahmen der DGPuK-Jahrestagung 2018 in Mannheim.
  • Ko-Evolution von Journalismus und Public Relations
    • Projektteam: Philomen Schönhagen, Mike Meißner
    • Laufzeit: 2015-2017
    • Förderung: Eigenmittel

     

    Das Verhältnis von Public Relations (PR) und Journalismus wird meist als Beziehung »interdependente[r] Systeme« (Grossenbacher 1986: 730) konzipiert. In diesem Zusammenhang ist von einer »ko-evolutive[n] Entwicklung von Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit« die Rede, die »bislang nicht systematisch verfolgt« wurde (Löffelholz 2004: 472). Eine dazu notwendige historische Perspektive fehlt bislang weitgehend. Hier setzt das Projekt an. Es zielt auf eine historisch-systematische Aufarbeitung der Ko-Evolution von PR und Journalismus, insbesondere mit Blick auf Wechselwirkungen bei der Entstehung von PR. Als Quellen werden hauptsächlich Fremddarstellungen der Anfänge von Öffentlichkeitsarbeit sowie Selbstdarstellungen früher PR-Akteure herangezogen. Diese werden durch punktuelle Archivrecherchen ergänzt. Dabei konzentriert sich das Projekt auf den deutschen Sprachraum. Die historischen Ergebnisse werden in kommunikationstheoretische Zusammenhänge eingebunden. Im Rahmen des Projekts arbeitet Mike Meißner auch an seiner Dissertation.


    Präsentationen und Publikationen:

    • Meißner, Mike / Schönhagen, Philomen (2017): The entanglement of public relations and journalism in the 19th and early 20th century in German-speaking countries. "Tracing entanglements in media history". Lund, 19.05.2017. [pdf, Book of Abstracts]
    • Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2016): The co-evolution of public relations and journalism: A first contribution to its systematic review. In: Public Relations Review 42(5): 748-758.
    • Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2016): Co-evolution of public relations and journalism: The beginnings of PR in the 19th century in German-speaking countries. Congrès de la Société pour l'histoire des médias "Penser l'histoire des médias". Université de Versailles, Saint-Quentin-en-Yvelines, 27.05.2016.
    • Schönhagen, Philomen / Meißner, Mike (2015): The Co-Evolution of Public Relations and Journalism. A first contribution to its systematic review. International History of Public Relations Conference. Bournemouth University, England, 08.07.2015.
  • 50 Jahre Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Fribourg/Freiburg
    • Projektteam: Franziska Oehmer, Philomen Schönhagen, Daniel Beck, Mike Meißner, Tobias Rohrbach
    • Laufzeit: 2015-2017
    • Förderung: Eigenmittel (und BA-Arbeit)


    Zum 50-jährigen Bestehen des Departements für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (DCM) im Jahr 2016 hatte das Projekt zum Ziel, die Geschichte des Departements aufzuarbeiten. Im Vordergrund stand die Rekonstruktion der Sozialgestalt, d.h. die bedeutenden Meilensteine der Organisation (Gründung, Reorganisation, Ausbau) ebenso wie die Rolle zentraler Persönlichkeiten (Florian H. Fleck, Max Gressly, Louis Bosshart, Jean Widmer) aufzuarbeiten. Daneben interessierte aber auch die Ideengestalt, also die von den Departementsmitarbeiter*innen und Studierenden in der Forschung verwendeten Theorien und Methoden; dies wurde anhand einer Analyse der akademischen Abschlussarbeiten im Zeitverlauf untersucht.

    Aus diesem Projekt entstand auch die Website zum 50-Jahre-Jubiläum des Departements.


    Präsentationen und Publikationen:

    • Rohrbach, Tobias / Oehmer, Franziska / Schönhagen, Philomen (2017): Ein integratives Modell zur Analyse von Fachidentität in der Kommunikationswissenschaft. Theoretische Entwicklung und eine Fallstudie zu 50 Jahren Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in Fribourg. In: Medien & Zeit 32(2), S. 56-67. URL: http://medienundzeit.at/wp-content/uploads/2017/05/mz-2-2017-digital.pdf.
    • Rohrbach, Tobias / Oehmer, Franziska / Schönhagen, Philomen (2016): An Integrative Model for the Analysis of Disciplinary Identity. Theoretical Development and Case Study. SGKM-Jahrestagung "Medien und sozialer Wandel". Freiburg/Fribourg, 8.04.2016.
    • Rohrbach, Tobias (2015): Die Fachidentität des Departements für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung DCM der Universität Fribourg. Eine Inhaltsanalyse der Abschlussarbeiten zum 50-jährigen Bestehen. Unveröffentlichte BA-Arbeit, Universität Freiburg.
  • Schweizer PR-Geschichte (Dissertationsprojekt von Mike Meißner)
    • Laufzeit: seit 2014
    • Betreuerin: Prof. Dr. Philomen Schönhagen

     

    Obwohl wiederholt gefordert wurde, entsprechende Studien durchzuführen (Schönhagen 2008: 18, 21; Röttger 2015: 537; Lamme/Russell 2009: 356-357), stellt die historische Entstehung und Entwicklung von PR in der Schweiz ein kommunikationshistorisches Desiderat dar. Das Dissertationsprojekt geht deshalb der Frage nach, wie und warum sich Public Relations (PR) in der Schweiz entwickelt haben. Konkret stehen Bedingungen, Motive und Ziele von Organisationen (Unternehmen, staatliche Stellen, nichtstaatliche Akteure/Verbände) im Mittelpunkt, die für den Beginn von PR verantwortlich waren. Daneben wird gefragt, wie sich das Verhältnis zur Presse entwickelte. Die Untersuchung stützt sich auf theoretische Überlegungen zur Ko-Evolution von PR und Journalismus (Schönhagen 2008; Schönhagen/Meißner 2016) sowie Erkenntnisse aus anderen Ländern (z. B. Deutschland, Österreich, USA, Großbritannien) zur Entstehung von PR. Aus diesem Grund liegt der Untersuchungszeitraum in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Quellen werden v.a. archivalische Überlieferungen der betreffenden Organisationen herangezogen.


    Präsentationen:

    • Meißner, Mike (2016): Die Pressearbeit der Kreispostdirektion Basel 1911/12. Ein Beitrag zur Entwicklung von Public Relations in der Schweiz. Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe PR/Organisationskommunikation "Zwischen Herkunft und Zukunft". Hannover, 04.11.2016.
    • Meißner, Mike (2015): "Die Erkenntnis ist ernüchternd". Public Relations in der Schweiz - Eine Forschungsskizze. Medienhistorisches Forum für Absolventen und Forschungsnachwuchs. Lutherstadt Wittenberg, 14.11.2015.