Staatliche Fürsorge oder unerwünschter Eingriff in die Privatsphäre? Historische und rechtliche Perspektiven auf staatliche Zwangsmassnahmen in der Familie
UE-L26.00119

Enseignant(s): Kilde Gisela, Ludi Regula
Cursus: Master
Type d'enseignement: Cours
ECTS: 3
Langue(s) du cours: Allemand
Semestre(s): SA-2020

KESB ist ein Reizwort. Seit der Einführung der neuen Behörde anfangs 2013 halten Skandale und politische Vorstösse die Kontroverse um die KESB am Laufen. Besonders tragische Fälle haben wiederholt für Schlagzeilen gesorgt. Dass die KESB heftige Reaktionen hervorruft, überrascht indessen nicht. Jede Intervention des Kinder- und Erwachsenenschutzes ist ein massiver Eingriff in die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte der Betroffenen. Er tangiert besonders heikle Bereiche der Privatsphäre und kann für Einzelne und Familien nachhaltige Folgen haben, wie aus der Arbeit der Unabhängigen Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgungen hervorgeht. Die UEK hat sich mit der historischen und rechtlichen Aufarbeitung früherer Versorgungspraktiken befasst und dabei gravierende Mängel im Rechts- und Persönlichkeitsschutz aufgedeckt und deren Ursachen analysiert. So zeigt die Untersuchung, wie Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden über Jahrzehnte hinweg Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf administrativem Weg in Heime, Institutionen oder Pflegefamilien eingewiesen haben, ohne den Betroffenen rechtliches Gehör zu gewähren. Oftmals waren Verdingkinder und Heiminsass*innen schutzlos Misshandlungen durch Aufsichtspersonal, Pflegeeltern und -geschwister ausgeliefert. Auch Zwangssterilisationen und Medikamentenversuche ohne Einwilligung der Betroffenen bildeten Teil der aus heutiger Sicht missbräuchlichen Praktiken in Heimen und psychiatrischen Kliniken. Viele Betroffene sind für den Rest ihres Lebens von diesen Erlebnissen gezeichnet. Und viele haben erst durch die laufende politische und historische Aufarbeitung früherer Fürsorgepraktiken eine späte Genugtuung erfahren.

Die Beschäftigung mit der Geschichte staatlicher Zwangsmassnahmen in der Familie und mit dem Wandel der rechtlichen Grundlagen erlaubt es, die aktuellen Kontroversen um die KESB in einen grösseren historischen, rechtlichen und politischen Rahmen einzuordnen. Der Kurs will damit zur kritischen Reflexion der Probleme beitragen, die behördliche Eingriffe in die Familie aufwerfen.


Documentation

Einführungslektüre:

Regula Ludi: Rezension zu: Unabhängige Expertenkommission Administrative Versorgungen (Hrsg.): Organisierte Willkür. Administrative Versorgungen in der Schweiz 1930–1981. Schlussbericht. Zürich  2019. ISBN 978-3-0340-1520-2, In: H-Soz-Kult, 04.02.2020, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-28954>.