Fundamentaltheologie. Grundfragen theologischer Hermeneutik. Proseminar
UE-TTH.00529

Dozenten-innen: Bartsch Benjamin
Kursus: Bachelor
Art der Unterrichtseinheit: Proseminar
ECTS: 2
Sprache-n: Deutsch
Semester: SP-2020

Hermeneutik ist die Kunst des Auslegens von Texten. Als eigenständige Disziplin ist sie im Zusammenhang der Bibelexegese entstanden.

Hermeneutik setzt die Differenz von Eigenem und Fremdem voraus; ihre Aufgabe besteht darin, den Sinngehalt des Fremden und Anderen in das eigene Verständnis zu übertragen. Wo dies gelingt, spricht man von „Verstehen“. Damit ist aber auch deutlich, dass ein solcher Vorgang immer ein interpretierendes Moment enthält. Es wird nie gelingen, den Sinngehalt uns überkommener Texte vollständig auszuschöpfen, immer fügen wir Eigenes bei und lassen Fremdes weg, weil wir die uns anvertraute Tradition nur aus unserem eigenen Geistes­horizont heraus begreifen können; deswegen bleibt beim auszulegenden Text immer auch ein Sinnüberschuss bestehen, dessen wir nicht gewahr werden.

Mit dem Aufkommen der kritischen Bibelexegese im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert beginnt ein neues Kapitel theologischer Hermeneutik; als berühmte Schlagworte stehen hierfür die im 20. Jahrhundert von Rudolf Bultmann geprägten Begriffe der „Entmythologisierung“ und der „existentialen Interpretation“. An beiden Begriffen wird erneut deutlich, wie sehr philosophische Vorentscheidungen für ein Verständnis biblischer Texte prägend sind. Über diese muss man sich Rechenschaft ablegen, will man nicht in einen „hermeneutischen Zirkel“ geraten, der, statt ein „circulus virtuosus“ ein „circulus vitiosus“ ist.


Lernziele

Die Lehrveranstaltung setzt sich zum Ziel, über die Probleme, vor die uns die Auslegung sowohl biblischer als auch dogmatischer Texte führt, zur Grundfrage der Fundamentaltheologie vorzustossen: Wie kann, wenn doch alle Glaubenstradierung geschichtlich vermittelt ist, sich ein einmal als Wahrheit erfasster Glaubenssinn durch die Jahrhunderte hindurch als er selbst erhalten?  


Dokumentation

●     Henri de Lubac: Typologie, Allegorie, Geistiger Sinn. Einsiedeln: Johannes (1999).

●     Rudolf Voderholzer: Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik, Einsiedeln-Freiburg/Br.: Johannes (1998).

●     Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung [1941]. Verschiedene Auflagen. Empfohlen wird die von Eberhard Jüngel veranstaltete Neuausgabe BEvTh 96, München: Kaiser (1988).

●     Hans Werner Bartsch (Hg.): Kerygma und Mythos Bd. I-VI/5, Hamburg: Evangelischer Verlag (1948-1974).

●     Henning Graf Reventlow: Epochen der Bibelauslegung. Bd. I-IV. München: Beck (1990-2001)

●     Joachim Negel: „Verstehst du auch, was du liest?“ (Apg 8,30) Schriftauslegung und Hermeneutik in den drei monotheistischen Religionen. In: Ders./ Margareta Gruber (Hg.): Figuren der Offenbarung. Biblisch – Religionstheologisch – Politisch (JThF 24 = Ökumenische Beiträge aus dem Theologischen Studienjahr Jerusalem Bd. 1), Verlag Aschendorff, Münster (2012) 267-303.