Der 'Hortulus animae' – ein Archiv mittelalterlicher Gebetbuchliteratur

 

Teilprojekt Stefan Matter

 

(Mitarbeiterinnen Juni 2017–Mai 2019: Daria Lanz, Chantal Zbinden)

 

Unter dem Titel 'Hortulus animae' und seinen verschiedenen volkssprachigen Übertragungen wurden ab 1498 in weit über 100 Auflagen meist kleinformatige und häufig bebilderte Gebetbücher gedruckt, die abgesehen von einer ersten Katalogisierung (Oldenbourg 1973) bislang in ihren Abhängigkeiten und je spezifischen Profilen nicht untersucht sind (erste Hinweise bei Ochsenbein 1983). Deren Aufarbeitung ist wegen ihrer immensen Bedeutung für die spätmittelalterliche Gebetbuchliteratur ein dringendes Forschungsdesiderat.

Die wichtigsten Redaktionen und Übertragungen des 'Hortulus animae' – insbesondere also der (von Auflage zu Auflage stets erweiterte) lateinische 'Hortulus animae' und die beiden deutschsprachigen Übertragungen, das 'Seelengärtlein' und der 'Wurtzgarten' – lassen sich als Übersetzungsleistungen beschreiben, die paradigmatische Verschiebungen des späteren Mittelalters sichtbar machen. Das 'Seelengärtlein' folgt dem 'Hortulus', der seinerseits vom Stundenbuch inspiriert ist, grob im Aufbau und in vielen Details; es bringt Übersetzungen der einzelnen Textteile, reichert aber auch an verschiedenen Stellen den Text an. Der 'Wurtzgarten' ist eine viel freiere Übertragung des 'Hortulus animae', folgt ihm zwar in der Grossstruktur, ist aber klar für Laien konzipiert und hat an den Stellen, an denen der 'Hortulus' und mit ihm das 'Seelengärtlein' liturgienahe Texte bringt, häufig aus der älteren Gebetbuchtradition übernommene Reim- und Reihengebete. Beide deutschsprachigen Übertragungen (für die Textredaktion und wohl auch für einzelne Übersetzungen des 'Seelengärtleins' zeichnet laut Titelblatt schon ab der ersten Ausgabe von 1501 kein Geringerer als Sebastian Brant verantwortlich) bedienen sich in grossem Umfang in der mittelalterlichen Gebetbuchliteratur bereits vorhandener Übersetzungen. Dieser Umstand führt dazu, dass eine Erschliessung des Textbestandes der wichtigsten 'Hortulus'-Ausgaben gleichsam einen Überblick über die deutschsprachige Gebetbuchliteratur des Mittelalters zu geben vermag. Zu prüfen bleibt fernerhin, inwiefern einerseits weitere lateinische Gebetsanthologien des späteren Mittelalters in textgeschichtlichem Zusammenhang mit dem 'Hortulus animae' stehen – ich denke hier etwa an die Prager Handschrift der 'Scala coeli' Alberts von Prag oder den ebenfalls in Strassburg gedruckten, allerdings schon 1489 erschienenen 'Antidotarius animae' des ursprünglich aus Bern stammenden Nicolaus Salicetus – und andererseits, in welchem Verhältnis die zahlreichen Drucke, welche unter demselben lateinischen beziehungsweise deutschen Titel des 'Hortulus' gedruckt werden, zu unserem 'Hortulus animae' stehen.

Konkret soll in der Fallstudie ausgehend von den frühen Ausgaben der lateinischen und der beiden deutschsprachigen Fassungen (L 1, L 12 und L 18) die jeweiligen Textbestände erfasst und beschrieben sowie auf ihre Vorlagen und ihre Abhängigkeiten hin untersucht werden. Auf diese Weise kann gleichsam ein Archiv der mittelalterlichen Gebetbuchliteratur erschlossen werden, das für die weitere Erforschung mittelalterlicher Gebete Referenzcharakter haben kann. Eine Edition der in Digitalisaten gut greifbaren Drucke scheint mir nicht geboten, vielmehr sollen die Texte über das Texterfassungstool online zugänglich und somit leicht handhabbar gemacht werden. Eine eingehende Darstellung der Textgeschichte soll separat veröffentlicht werden.

Eigene Vorarbeiten:

Stefan Matter, Transkulturelle Gärten. Zu den frühen Ausgaben des 'Hortulus animae', des 'Seelengärtleins' und des 'Wurtzgartens', in: Transkulturalität und Translation. Deutsche Literatur des Mittelalters im europäischen Kontext, hg. von Ingrid Kasten und Laura Auteri, Berlin/Boston 2017, S. 291–299.