Wochenprogramm

Thema 1 –  Theologie des Gebets I

«Sei Du Dein

und ich werde

Dein sein!»

(Nikolaus von Kues)

Blog-Artikel – wachet und betet: Reflexionen über eine Pandemie

Ob die gegenwärtige weltweite Krise – sowohl in gesundheitlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht – ein Vorbote des Zerfalls der westlichen Kultur ist, weiss ich nicht. Solche Einschätzungen können warten, sie sind Sache der Historiker.

Es ist schrecklich, den Zusammenbruch einer Kultur miterleben zu müssen; und schlimmer noch ist es, dies am eigenen Leib zu erfahren. „Social Distancing“ ist zwar unangenehm, stellt aber kaum Leiden dar. Sogar die Arbeitslosigkeit, obwohl sie zutiefst beunruhigend ist, ist für uns nicht dasselbe, wie es für viele Menschen unter weniger glücklichen Umständen der Fall gewesen wäre. Umfangreiche wirtschaftliche Finanzspritzen und Familienunterstützungspakete in den meisten westlichen Ländern haben uns bisher über Wasser gehalten. Wir haben allen Grund, dankbar zu sein, für die kollektive Fähigkeit unserer Gesellschaft, einen grossflächigen sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch abzufedern.

Dennoch ist es oft gerade die Bedrohung durch eine Katastrophe, die uns in die Knie zwingt. Als die Organisatoren der Konferenz „wachet und betet“ das Thema „Spiritualität, Mystik und Gebet in Zeiten politischer Unruhe“ wählten, konnten sie kaum etwas von den weit verbreiteten Unruhen wissen, die plötzlich die ganze Welt erfasst haben. Das Thema ist heute dringender als bei seiner ersten Ankündigung.

Winston Churchill soll während des Krieges einmal gesagt haben: „Lass eine gute Krise niemals ungenutzt verstreichen.“ Es scheint nicht so, als ob Churchill ein ausgesprochen engagierter Christ gewesen sei. Aber seine Aussage erinnert an das Wort des Psalmisten: „Es war gut für mich, dass ich gebeugt wurde, damit ich deine Satzungen lerne“ (Ps 119,71).

Unser weit verbreiteter Wohlstand und Konsumismus haben uns in weiten Teilen dazu gebracht, Gott den Rücken zu kehren. Sowohl Europäer als auch Nordamerikaner – ich schreibe aus der Gegend von Vancouver – haben das Gebet, die geistliche Lesung, das Fasten und andere Praktiken, die den Herzschlag der christlichen Tradition ausmachen, weitgehend vergessen. Wenn die gegenwärtige Pandemie uns hilft, die Jenseitigkeit des christlichen Glaubens wieder zu entdecken, werden vielleicht die Worte des Psalmisten zu unseren eigenen werden. Ich bete darum, dass der Herr unsere „wachet und betet“-Initiative zu diesem Zweck nutzen möge.

 

Von Hans Boersma

Saint Benedict Servants of Christ Professor in Ascetical Theology

Nashotah House Theological Seminary, Nashotah, Wisconsin (USA)

  • "Grusswort von Frère Alois“ (d)

    Frère Alois ist 1954 in Bayern, Deutschland geboren und anschliessend in Stuttgart aufgewachsen. Er ist 1974 der Communauté de Taizé beigetreten und hat zu dieser Zeit zahlreiche Reisen nach Mittel- und Osteuropa unternommen, um die Christen dieser Länder, die damals unter sowjetischem Einfluss standen, zu ermutigen. Neben seinem ausgeprägten Interesse für Musik und Liturgie widmete er einen großen Teil seiner Zeit Jugendlichen, denen er zuhörte, und die er persönlich begleitete. Frère Alois hat im August 2005, als Nachfolger von Frère Roger, den Dienst als Prior der Communauté übernommen.

  • "Modernity and Spirituality: Why the end is the beginning" / "Moderne und Spiritualität: Warum das Ende der Anfang ist" mit Hans Boersma (e/d)

    Modernity has replaced the interconnected, sacramental universe of the Great Tradition with an atomistic understanding of reality.  In philosophical terms, we have moved away from realism toward nominalism. This talk sketches this development and draws out its spiritual implications. Saint Anselm’s Proslogion intimates what it means if we make the end (the vision of God) the starting point for our spirituality.

    Die Moderne hat das ineinandergreifende, sakramentale Universum der Großen Tradition durch ein atomistisches Verständnis von Realität ersetzt. Philosophisch gesehen haben wir uns weg vom Realismus hin zum Nominalismus bewegt. Dieser Vortrag zeichnet diese Entwicklung nach und reflektiert ihre geistigen und geistlichen Implikationen. Anselms Proslogion verdeutlicht, was es bedeutet, wenn wir das Ende (die Gottesschau) zum Ausgangspunkt unserer Spiritualität machen.

    Hans Boersma has been professor at the Nashotah House Theological Seminary in Wisconsin (USA) since 2019. Prior to that he was professor at Regent College in Vancouver for fourteen years and at Trinity Western University in Langley for six years. Boersma is known for his books, including Seeing God: The Beatific Vision in Christian Tradition (2018), Scripture as Real Presence (2017), and Heavenly Participation (2011). His research focuses on Catholic thought, the Fathers of the Church and the spiritual interpretation of Scripture.

    Hans Boersma ist seit 2019 als Professor am theologischen Seminar Nashotah House in Wisconsin (USA) tätig. Davor war er während vierzehn Jahren Professor am Regent College in Vancouver sowie für sechs Jahre an der Trinity Western University in Langley. Bekannt ist Boersma u.a. für seine Bücher, darunter Seeing God: The Beatific Vision in Christian Tradition (2018), Scripture as Real Presence (2017) und Heavenly Participation (2011). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das katholische Denken, die Kirchenväter sowie die geistliche Interpretation der Schrift.

  • "Individualität und Gottesbeziehung: Warum wir eine neue Mystik brauchen" mit Silvianne Aspray

    Die Neuzeit brachte eine neue Wertschätzung für die Individualität eines jeden Menschen. Diese Entdeckung des “Ichs” wurde allerdings oft als bewusste Abgrenzung des handelnden Subjekts von Gott verstanden, als ob sich göttliches und menschliches Wirken gegenseitig ausschlössen. Dieses Referat zeigt ein alternatives, partizipatives Verständnis vom Zusammenspiel von Gott und Mensch auf, in dem unsere Individualität nicht auf Kosten unserer Gottesbeziehung geht, sondern durch diese erst ermöglicht wird.

    Silvianne Aspray hat kürzlich ihre Promotion in Cambridge, England abgeschlossen. In ihrer Dissertation hat sie sich mit der Metaphysik der Reformation auseinandergesetzt und arbeitet nun als British Academy Postdoctoral Fellow über Nikolaus von Kues und Pico della Mirandola. Sie hat in Bern und Durham Theologie studiert, wurde 2011 zur reformierten Pfarrerin ordiniert und lebt heute zusammen mit ihrem Mann in Cambridge.

  • "Ganzheit im Fragment - Spiritualität in säkularen Zeiten" mit Fulbert Steffensky

    Fulbert Steffensky hat katholische und evangelische Theologie studiert und war für 13 Jahre Benediktinermönch in der Abtei Maria Laach. Er hat seine Promotion an der Ruhr-Universität Bochum erlangt und war als Professor an der FH Köln und der Universität Hamburg sowie als Gastprofessor am Union Theological Seminary tätig. Fulbert Steffensky war verheiratet mit Dorothee Sölle (gestorben 2003) und gemeinsam waren sie Mitbegründer des Politischen Nachtgebets, einer Liturgie, welche von 1968 bis 1972 regelmässig in der Antoniterkirche in Köln gefeiert wurde. Mittlerweile ist er emeritiert und lebt im schweizerischen Luzern. Zu seinen neusten Veröffentlichungen gehören: Heimathöhle Religion (2015), Orte des Glaubens (2017) und Fragmente der Hoffnung (2019).