PublikationPublikationsdatum22.02.2019

AD(H)S: Kinder am Runden Tisch


„Kinder fördern.“, so der Titel der soeben erschienenen „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit AD(H)S im Entscheidungsprozess“ des Instituts für Familienforschung und Beratung der Universität Freiburg. Der Ratgeber plädiert für einen Perspektivenwechsel im Umgang mit von AD(H)S betroffenen Kindern. Ausserdem sollen diese auch mithören und mitreden dürfen. 

Sind das Rumzappeln am Tisch, die daheim vergessenen Schulbücher oder die wiederholten Streitereien auf dem Pausenplatz noch Teil der gesunden Entwicklung des Kindes – oder sind es Anzeichen, die auf AD(H)S hindeuten könnten? Die Facetten der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sind so zahlreich wie die Kinder, die davon betroffen sind. Die soeben erschienenen „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit AD(H)S im Entscheidungsprozess“ sollen die Betroffenen während der Abklärung unterstützen. Sie wollen verhindern, dass Kinder, die aufgrund von AD(H)S-Symptomen auffallen, vorschnell medizinisch versorgt werden oder – ganz im Gegenteil – unbeachtet und damit auch unversorgt bleiben.

Alle am Runden Tisch
Besteht bei einem Kind der Verdacht auf AD(H)S, so sind in der Regel mindestens vier Akteure in den Abklärungs- und Entscheidungsprozess involviert: Das Kind, die Eltern, eine Lehrperson und eine medizinische Fachperson. Die Handlungsempfehlungen legen diesen Akteuren nahe, sich mindestens einmal gemeinsam am „Runden Tisch“ auszutauschen, um einerseits die Ressourcen zu optimieren, aber auch im Sinne einer Kompetenzsteigerung. Der Runde Tisch kann ergänzend zu den üblichen bilateralen Gesprächen zwischen Eltern und Lehrpersonen oder auch zwischen Eltern und einer medizinischen Fachperson stattfinden. Wichtig ist, so die Handlungsempfehlungen, dass das Kind die Möglichkeit hat, dem Runden Tisch beizuwohnen. Es soll über allfällige Schritte informiert werden und auch seine Meinung kundtun dürfen, betont die Juristin und Privatdozentin Sandra Hotz, die die Ausarbeitungen dieser Handlungsempfehlungen geleitet hat. „Kinder haben Rechte und es gilt, diese Rechte während dem ganzen Entscheidungsprozess im Auge zu behalten“, so Hotz. Jedes Kind soll in seiner Selbstbestimmung bestärkt und ernst genommen werden. „Und diese Selbstbestimmung ist am Schnittpunkt von Familien-, Bildungs- und Gesundheitsbelangen ganz besonders zu beachten.“

Perspektivenwechsel
Das aktive oder passive Mitwirken der Kinder am Entscheidungsprozess soll den verschiedenen Akteuren auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass das Kind im Fokus aller Entscheidungen zu stehen hat. So geht es nicht darum, das Kind zu therapieren, damit es in der Schule oder daheim weniger Probleme gibt. Vielmehr soll das Umfeld an die besonderen Bedürfnisse des Kindes angepasst werden. „Kleine Hilfestellungen, wie etwa ein Satz an Reservebüchern in der Schule oder das Hervorheben mit Leuchtstift eines wichtigen Satzes in einer Prüfung, können solchen Kindern das Leben erleichtern“, ist Sandra Hotz überzeugt. Um zu wissen, wo ein Kind Hilfe braucht, wo genau dessen Schwächen liegen, ist es wichtig, dass alle Akteure zusammenwirken und zusammen sprechen.

Komplexe Diagnose
AD(H)S gilt als die häufigste psychische Störung unter Kindern. Als Ursache geht AD(H)S auf genetische, neuropsychologische und psychosoziale Faktoren zurück.“ Auch Umwelteinflüsse von Seiten der Schule, der Gesellschaft oder dem Elternhaus können eine Rolle spielen. Eine klare Diagnose über einen sogenannten Bio-Marker ist nicht möglich. Entsprechend wichtig ist die Abklärung durch kompetente Fachpersonen und deren Zusammenarbeit. Betroffen sind schweiz- und weltweit rund 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler.

Die „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit AD(H)S im Entscheidungsprozess“ setzen einen Schlusspunkt zum interdisziplinären überuniversitären Forschungsprojekt „Kinder fördern. Eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit AD(H)S“. Die Empfehlungen sind in Zusammenarbeit mit Projektbeteiligten der Gesundheitswissenschaften der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und mit Expertise aus der Pädiatrie (Kantonsspital Winterthur) und der Kinder- und Jugendpsychiatrie (PUK) sowie aus den Bildungswissenschaften entstanden. Sie sind schweizweit ein Novum und stehen allen Interessierten unentgeltlich zur Verfügung. Sie sind ausschliesslich in deutscher Sprache erhältlich.

Stellungnahme  
Das Institut für Familienforschung und -beratung und die ehemalige multizentrische Forschungsgruppe „Kinder fördern. Eine Studie zum Umgang mit ADHS“ (2015-2017) ZHAW/UNFRI distanzieren vollumfänglich von der Streitschrift „Warum ADHS keine Krankheit ist.“ von Amrei Wittwer, Hirzel Verlag 2019, und der dazugehörigen Medienmitteilung des Collegium Helveticum zu dieser Neuerscheinung (27.2.2019). 

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