Vernissagen

"Bumsvoll!" Walter Nigg in vielfältiger Rezeption

"Bumsvoll!!!", notierte Gertrud Nigg in ihr kleines rotes Notizbüchlein, als ihr Mann, der berühmte Hagiograph Walter Nigg (1903-1988), seine bewegende Abschiedspredigt in der Kirche von Dällikon hielt, auf deren Kanzel er über dreißig Jahre lang das Wort Gottes verkündigt hatte. Der reformierte Pfarrer Walter Nigg hatte mit seinen Büchern ein Millionenpublikum erreicht und mit seinem berühmtesten Werk 'Grosse Heilige' (1946) den spirituellen Longseller des 20. Jahrhunderts geschrieben. Neben einem guten Dutzend weiterer Werke ist diese glühende Liebeserklärung an die Heiligen einer ökumenischen Christenheit noch heute lieferbar. Walter Niggs Bücher über Engel, Mystiker und Heilige sind Klassiker einer religiösen Geschichtsschreibung, in der sich hohe Gelehrsamkeit und spirituelle Erfahrung mit einem Blick auf das Wesentliche verbinden.

"Bumsvoll" war die Kirche von Dällikon auch am 6. Januar 2010, als die einfühlsame Biographie über Nigg von Uwe Wolff vorgestellt wurde. Nigg dozierte nicht über die Ökumene, sondern er lebte sie mit der 'Wolke der Zeugen' (Hebr 12,1), in denen das Licht des Evangeliums sich vielgestaltig bricht. Das wurde an diesem ökumenischen Abend auch in den Zeugnissen einiger Gemeindemitglieder über ihren ehemaligen Pfarrer deutlich. Ruedi Reich, Kirchratspräsident der reformierten Landeskirche Zürich, hob in seiner Würdigung dieser spannend zu lesenden Lebensbeschreibung den ökumenischen Blick des Verfassers hervor. Uwe Wolff ist Lutheraner. Mit dieser Biographie über den grössten reformierten Hagiographen der Schweiz hat er an der katholischen Fakultät der Universität Fribourg mit "summa cum laude" promoviert. Veröffentlicht wurde das Werk nun im reformierten Theologischen Verlag Zürich.

Der Dreikönigstag war bewusst als Abschluss einer dreiteiligen Veranstaltungsserie gewählt worden. Denn Nigg, das Kind aus einer `Mischehe' wurde an einem 6. Januar geboren. Begonnen hatte die Vorstellung der mit dem ökumenischen Jean-Louis-Leuba-Preis 2009 ausgezeichneten Biographie 'Das Geheimnis ist mein. Walter Nigg' in Fribourg. An dieser Universität wurde die Nigg-Forschung durch Barbara Hallensleben, Professorin für Dogmatik, und Pater Guido Vergauwen, Rektor der Universität, initiiert. Walter Nigg hatte seine kostbare Bibliothek mit der grössten deutschsprachigen Sammlung hagiographischer Literatur der Universität Zürich vermacht. Als die Zürcher die Verantwortung für das Erbe nicht antreten wollten, handelte das Ökumenische Institut kurz entschlossen und gab der Nigg-Bibliothek einen Raum, der über die rein funktionale Aufstellung hinaus zum Verweilen und Studieren einlädt. Im Walter-Nigg-Haus auf dem Grundstück des Justinuswerkes (Route du Jura 11) wurden Niggs Bücher für die Forschung zugänglich gemacht. In dem eindrucksvollen Rahmen der vollen Bücherwände finden Sitzungen und Seminare des Ökumenischen Instituts statt, und zwei Gästezimmer beherbergen immer wieder Forschende verschiedener kirchlicher Herkunft aus dem ganzen europäischen Raum.

Veranstaltet vom Institut für Ökumenische Studien fand hier am 18. November 2009 die erste Vernissage mit einem wissenschaftlichen Schwerpunkt statt. Bruno Bürki, Mariano Delgado und Gottfried Locher beschrieben Perspektiven der Nigg-Forschung, Sören Nigg würdigte die Anstrengungen, die Barbara Hallensleben und Guido Vergauwen für die Sicherung des wissenschaftlichen Erbes seines Vaters unternommen haben. Dass die in Fribourg initiierte Nigg-Forschung von nationalem Interesse ist, zeigt auch die Unterstützung durch den SNF für das Biographie-Projekt.

Zur zweiten Vernissage luden am 19. November 2009 in Zürich die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kan­tons Zürich und der Theologische Verlag Zürich ein. Wieder wurde Walter Nigg im ökumenischen Horizont gewürdigt, indem Kirchenratspräsident Dr. Ruedi Reich, Prof. Martin Klöckener als Dekan der Theologischen Fakultät der Fribourger Universität und Herr Dr. Gottfried Locher, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ökumenische Studien, Walter Niggs Aktualität herausarbeiteten. Unter den zahlreichen Gästen hatte sich der Abt von Einsiedeln eingefunden. Abt Martin gehört zu jenen katholischen Lesern, denen Walter Nigg einen neuen Zugang zu den Heiligen erschlossen hatte. Uwe Wolff gab in seinem Zürcher Vortrag ein Geheimnis aus dem Kloster Einsiedeln preis: Als in den Siebziger Jahren auch hinter Klostermauern Stimmen aufkamen, die kritisch von der Bedeutung der Heiligen sprachen, da kopierte der junge Pater Martin Werlen einen Buchtitel von Walter Nigg und hängte ihn an das Informationsbrett für die Brüder. Dort stand zu lesen: 'Die Heiligen kommen wieder!'

Der Pädagoge Uwe Wolff, der über 20 Jahre lang Religionslehrer für das Gymnasium ausgebildet hat, betonte in Dällikon, dass sich seine Biographie nicht in der Betrachtung des Lebenswerkes von Walter Nigg erschöpft. Vielmehr will sie Anregungen für eine Wiederbegegnung mit den Heiligen als grossen ökumenischen Vorbildern der Nachfolge Christi geben und diese für Kindergarten, Schule und Gemeinde erschließen. Nach der Zürcher Veranstaltung, so berichtet der Nigg-Biograph, sei er von einer reformierten Christin auf die Anwesenheit von Abt Martin angesprochen worden. 'Wollte dieser hohe Würdenträger der katholischen Kirche zum Ausdruck bringen, dass Walter Nigg den Katholiken gehört?A Walter Nigg hält sich - ebenso wie die Heiligen - zum Glück nicht an konfessionelle Grenzen. In vielen Klöstern und katholischen Gemeinden hat er gepredigt und Vorträge gehalten. 3000 Zuhörer waren es einst im Mainzer Dom. Ihn erfüllte die Erfahrung der Ökumene der glaubenden Herzen. Am Dreikönigstag 2010 leuchtete dieser Stern in Dällikon auf. Er ist Licht aus der Vergangenheit, das den Weg in die Zukunft erleuchtet. Die Heiligen kommen in jeder Generation neu zur Sprache. Diese Gewissheit ist Erbe und Auftrag. Walter Nigg hat in über einhundert Lebensgeschichten von Heiligen den Weg für den Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart gewiesen. Im Staunen, Dankbarkeit und Ehrfurcht wurde der Gemeinde in Dällikon an diesem Abend bewusst, welch grosse Seele unter ihr gelebt und gewirkt hatte. Am 17. Januar 2010 hat Pfarrer Bert Missal in einem eindrücklichen Gedenkgottesdienst an Walter Nigg erinnert.