Walter Dirks

Die Antowrt der Mönche

Es geht mir um einige Einsicht von Gottes Wirken in der Geschichte und von unserem Wirken in der Geschichte. Und zwar kommt es mir gerade auf die sogenannte "Weltgeschichte" an, die wir so gern von der "Kirchengeschichte" als einer eigentlichen Heilsgeschichte allzu sehr trennen. Man kann von den heiligen Ordensstiftern nicht nur für das "vollkommene Leben" einiges lernen, als dessen Meister, Lehrer und Vorbilder sie gelten, sondern auch für die genannte Weltgeschichte. Dabei haben diese Heiligen keineswegs politische "Bewegungen" hervorgerufen und geführt, sondern Orden gestiftet, von denen wir wissen, dass sie räumlich oder geistig ihre "Klausur" ernstnehmen, wenn auch jeder in verschiedener Weise. Aber indem sie sich so geradezu von der Welt entfernten, haben sie sich in Wahrheit mit ihrer wesentlichen Leistung auf die Welt zubewegt.

Mir scheint, dass das nicht immer genügend klar gesehen worden ist. Es gilt auch keineswegs von allen Söhnen der Ordensstifter; einige haben die Welt tatsächlich vergessen, andere haben sie auf ihre umwegige Weise zu sehr gesucht, und ich weiß nicht, ob sich beispielsweise gewisse Franziskaner nicht in Wahrheit von beiden entfernten, von der Klausur und von der Welt, als sie die Stricke, mit denen sie ihre Kutten gegürtet hatten, wie dekorative Kordeln zu pflegen begannen. (Zugegeben: es ist nicht leicht, sieben Jahrhunderte lang ein Bettlergewand zu tragen.) Aber es kommt nicht auf rechte und linke Abweichungen an; man muss sich an den Kern der Sache halten, an das, was gemeint war und was gemeint ist. Und gemeint war in höherem Grade, als wir es meistens annehmen, die Geschichte: ihr Verlauf nach Gottes Willen, ihr richtiger Verlauf, oder, um gleich das mythologische Abstraktum "Geschichte" christlich zurechtzurücken: gemeint war auch die Weise, wie getaufte Menschen in einer bestimmten Situation der Gesellschaft mit einander menschlich leben könnten.

Die heutigen Söhne der heiligen Stifter werden es mir nicht verübeln, wenn ich in der Absicht, die gängige Vorstellung, die von dieser Sache besteht, in einer bestimmten Richtung zu ergänzen, nicht immer genügend das hervorheben kann, was ihnen selbst als das Wichtigste erscheint, jedem Einzelnen von ihnen, etwa: die Ehre Gottes zu preisen, seinen heiligen Kultdienst zu vollziehen, zu predigen, die Lehre zu meditieren und für ihre Reinheit zu streiten, den drei Ämtern der Kirche zur Verfügung zu stehen, zu lehren, wohltätig oder sonstwie nützlich zu sein, sich selbst zu vervollkommnen, das Heil zu wirken, oder was auch immer das Hauptmotiv ihres klösterlichen Lebens sein mag. Ich muss mich beschränken; ich kann an ihnen nur das hervorheben, was mir dazu dienen kann, zu demonstrieren, worauf es mir hier ankommt: dass Gott der Heiligen bedarf - der kanonisierten und der gewöhnlichen, nämlich der Christen -, um nicht nur die Kirchengeschichte, sondern auch die Weltgeschichte richtig geschehen zu lassen. (Was freilich nicht bedeutet, dass die Weltgeschichte je "richtig" geschehen wäre.) Und dass Gott dafür in ausgezeichneter Weise der besonderen Gattung von Heiligen bedarf, die Orden gestiftet haben. Weil die Orden hier also nicht Themen sind, sondern nur Beweismittel und Musterbeispiele, wird man in Kauf nehmen müssen, dass ich nicht immer bei ihnen bleibe, sondern Umwege gehe, die mich von ihnen entfernen, manchmal sogar für ganze Kapitel.

Ich werde mich vor allem an die ersten Stunden der Orden halten, an ihre Stifter und an die geschichtliche Stunde ihrer Gründungen. Aber vielleicht ergibt sich sodann, dass ihre Jünger auch heute noch an der Reihe sind, am Teppich der Geschichte zu wirken, wenn auch in anderer Weise als in der Stunde ihrer Stiftung, - neben Ministern, Gewerkschaftsvorständen, Philosophen, Managern, Arbeitern, Journalisten und anderen Dienern Gottes, - neben ihnen und für sie.

Frankfurt, 4. August 1952

Der Verfasser

 

Vorwort zu: Walter Dirks, Die Antwort der Mönche, Verlag der Frankfurter Hefte, Frankfurt am Main 21953, S. 9-11.