Gottfried LocherPublikationsdatum12.06.2020

Vom Scheitern und vom Reformieren. Ein Zeichen der Solidarität für Gottfried Locher aus dem ISO


30. Juni 2020: Replik auf Simon Hehli, NZZ vom Samstag, 27. Juni 2020. Von Barbara Hallensleben
Vom Scheitern und vom Reformieren

Simon Hehli weiß zu berichten, der frühere Kirchenpräsident Gottfried Locher sei gescheitert. Warum? Weil Locher in den Medien mit ungeklärten Gerüchten in Verruf gebracht wird? Weil kirchliche Kolleginnen und Kollegen sich offen oder verschämt von ihm distanzieren? Weil er mit seinen Positionen angeeckt ist und Gegner hat? Überall im öffentlichen Leben finden sich Akteure, deren Antrieb primär die mediale Anerkennung ist. Weit verbreitet ist diese Haltung auch im kirchlichen Bereich. Gefallen ist wichtiger und leichter als der Mut zum Reformieren. Da stört kein «grosses Ego» das stillschweigende Einvernehmen, da irritiert kein Gestaltungswille und kein «Sendungsbewusstsein».

Das Scheitern in der Kirche ist in vollem Gang. Zu Tausenden verlassen die Menschen die Landeskirchen Jahr für Jahr. Viele davon sind gläubige Menschen. Doch was ihnen oft geboten wird auf Kanzeln und in Kirchenblättern, dieses Gemisch an Zeitgeist und bürgerlicher Moral, das stillt nicht mehr den Glaubenshunger und gibt keine Lebensorientierung. Was bleibt von der Kirche, wenn sie nicht mehr den Glauben verkündet, wenn sie im Wind des Zeitgeistes treibt? Sogar aus stolzen Reformationsstädten werden Restgemeinden. Und welche Kirche der Schweiz wollte sich hier nicht betroffen fühlen?

Man könnte also auch eine andere Geschichte erzählen, die Geschichte eines Pfarrers, der – mit allen Schwächen und Grenzen – dem Scheitern seiner Kirche nicht mehr länger zuschauen wollte; die Geschichte eines genuin reformierten Erneuerungsprojekts, getragen von reformierten Ideen, umgesetzt mit reformierten Mitteln zugunsten der reformierten Kirche. Seit Lochers Präsidium gibt es eine verfasste reformierte Schweizer Stimme. Er fand Gehör, und die Kirche hat davon profitiert. Die Reformierte Kirche Schweiz ist entstanden. Sie kann nun das werden, was sie ihrer Verfassung nach ist: vernetzt, nicht hierarchisch, Gemeinschaft, nicht Organigramm, mehrsprachig, offen für verschiedene theologische Strömungen. Ihr Wort ist gefragt, auch in politischen Kreisen. Sie hat sich als Gesprächspartnerin der Schweizer Bischofskonferenz profiliert. Heute hat die reformierte Kirche Schweiz eine zukunftsfähige Struktur. Das ist nicht nur, aber zu guten Teilen das Ergebnis von Lochers zehnjähriger Arbeit.

Simon Hehli gebührt das Verdienst, dem moralischen Voyeurismus ein Ende bereitet zu haben. Doch was bleibt dann? Die Frage nach dem Reformieren – gegen das fortgesetzte Scheitern. Dazu ist noch nicht das letzte Wort gesagt, auch nicht von Gottfried Locher – hoffentlich. Ein Amt kann man niederlegen. Einen Auftrag kann man nicht verleugnen.

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12. Juni 2020: Eine Stellungnahme von Prof. Barbara Hallensleben:

Gottfried Locher hat sein Amt als Präsident der EKS aufgegeben. Er wurde zweimal demokratisch gewählt. Er hat den Prozess zur Revision der Verfassung innerhalb des ehemaligen "Kirchenbundes" trotz größter Spannungen zu einem demokratisch erzielten Konsens geführt. Er hat seiner Kirche national und international zu neuer Sichtbarkeit und Präsenz in vielfältigen Dialogen verholfen. Er hat seiner Arbeit stets ein theologisches und auch ein geistliches Fundament gegeben. Was ist jetzt wirklich im Gange?

Offensichtlich gehören die Beschwerden, die jetzt gegen Gottfried Locher vorgetragen werden, nicht in den Bereich der "Transparenz", sondern in den Bereich der Diskretion und der schutzwürdigen Persönlichkeitsrechte, zu denen die Intimsphäre und insbesondere der Ruf eines Menschen in der Öffentlichkeit gehören. Man kann nicht genug betonen: Es liegt keine rechtlich relevante Klage vor. Der Vorwurf der "Grenzüberschreitungen" wirft ethische Fragen auf, ist aber ohne öffentliche Zeugnisse kein Grund zu einer konzertierten Kampagne, um nicht nur die Leistungen von Gottfried Locher vergessen zu lassen, sondern um seine Person zu zerstören.

Transparenz fehlt hingegen in dem Vorgehen gegen den ehemaligen Präsidenten der EKS: Bedeutungsvoll vorgetragene anonyme Zeugnisse sind medienwirksam, aber kein Kommunikationsstil zur Klärung eines "Sachverhalts". Nicht zufällig werden die Vorwürfe gegen eine Person sofort mit der strukturellen "Machtfrage" in der Reformierten Kirche verknüpft. Werden also auf Kosten der Person von Gottfried Locher letztlich Unstimmigkeiten über die Gestalt kirchlicher Leitung ausgetragen? Wir wissen es nicht, aber unübersehbar sind hier intransparente Beweggründe in einer völlig unproportionierten Kampagne am Werke.

"Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit" (Gen 3,21) ... Er hat sie nicht in der Transparenz ihrer Nacktheit aus dem Paradies vertrieben. Wer wollte von sich sagen, dass er/sie auf diese Bekleidung nicht angewiesen wäre?

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Stefan von Bergen versucht in der Berner Zeitung ein differenzierteres Bild von Gottfried Locher zu zeichnen. Er interviewte dazu u.a. Prof. Barbara Hallensleben, Mitglied im Institut für Ökumenische Studien.

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