Ausgewählte Forschungsschwerpunkte

Geschichte und Epistemologie ärztlichen Erzählens (King)

Da sich die sogenannte narrative Medizin, die zum Kernbereich der Medical Humanities gehört, wissenschaftlich vor allem mit Erzählungen von Kranken, mit Tagebüchern, Autobiographien und fiktionalen ‚Illness narratives’ beschäftigt, ist bezüglich der anderen – der ärztlichen – Seite des klinischen Dialogs ein gewisses Vakuum entstanden. Dieses wollen wir füllen, indem wir aus medizinhistorischer und literaturtheoretischer Perspektive danach fragen, wie Ärzte die Krankheitsgeschichten ihrer Patienten in ganz bestimmten Genres ‚nacherzählen’ – zunächst in Fallberichten, die sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert sehr stark gewandelt haben, aber auch in anderen klinischen Textsorten, wie etwa Anamnese, Operationsbericht, Entlassungsbrief, psychiatrisches Protokoll. Ziel ist es, spezifische Kommunikationsformen und ‚Kommunikationsrituale’ in der Medizin besser zu verstehen und das jeweilige Menschenbild, das dabei entworfen wird, kritisch zu reflektieren. Auf diese Weise versuchen wir, zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Patient, Arzt und Vertretern weiterer medizinischer Berufe beizutragen.

 

Vergangene organisierte Veranstaltungen
Internationaler Workshop im Mai 2019

 

 

  • Epistemologische Moderne: Zur Empirisierung von Natur und Kultur um 1830 (DFG/DACH, 2019-2021); Doktorand: Zeno jr. Bampi (ab 1.1.2019)

    Aus: Louis Choris: Voyage pittoresque autour du monde (Paris, 1822) (Bild: gemeinfrei)

     

    Bild: https://archive.org/stream/tagebuchvonhelgo00wienuoft#page/n7

     

     

    Das Projekt erforscht den fundamentalen Wandel im kulturellen Wissenssystem zwischen 1820 und 1850 und begreift diese unterschätzte Epoche als 'epistemologische Moderne' mit prägender Bedeutung für den weiteren technisch-kulturellen Modernisierungsprozess.Ausgangspunkt ist eine neuartige Wirklichkeitsöffnung im gesamten intellektuellen Raum, die sich mit dem Begriffspaar 'Erfahrungsdruck' und 'Empirisierungszwang' (Lepenies) fassen lässt. Hängt der neuartige Erfahrungsreichtum offensichtlich mit der Entstehung der wissenschaftlichen Biologie zusammen, so hinterlässt er doch als transdiskursives Phänomen seine Spuren in Naturforschung und Literatur; genau genommen in Texten von Literaten und Naturforschern, die erst langsam aus dem Schatten grosser Polymathen wie Goethe und Humboldt heraustreten. Diese transdiskursive Wirklichkeitsöffnung wird besonders deutlich in jenem Genre, das Lebenswissenschaften und Literatur gemeinsam haben und das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enorme Konjunktur erlebt: im Reisebericht.Das Projekt geht anhand einer Vielzahl von naturkundlichen und literarisch-politischen Reisetexten, u.a. von Adelbert von Chamisso, Richard Schomburgk, Eduard Poeppig, Charles Lyell, Heinrich Heine, Ludolf Wienbarg, Theodor Mundt und Heinrich Laube auffälligen Strukturparallelen nach: In beiden Texttypen erzeugen der ständige Wechsel von Narration und Deskription, die Integration von Zahlen, Statistiken, Abbildungen und Intertexten ein buntes, montagehaftes Ganzes, das sich vom geschlossenen Kunstwerk der 'Kunstperiode' verabschiedet – in Heines Worten 'ein zusammengewürfeltes Lappenwerk'. Bunt und zusammengewürfelt sind auch die Gegenstände in beiden Formen der Reiseprosa: Gesteinsschichten, Seuchenausbrüche, Nationalcharaktere, Fischflossen und Arkadiensehnsucht, das alles scheint für die Autoren gleichermassen beobachtbar und vermengt sich zu einem neuartigen Konglomerat des Wirklichen und des empirischen Wissens.Insgesamt zielt das Projekt darauf, in solch dissoziativen Repräsentationsformen das eigentlich Moderne der 'epistemologischen Moderne' freizulegen. Deutlich soll werden, dass Naturwissenschaft und Literatur einerseits keine gelehrte Einheit mehr darstellen, eher eine empirische ‚Zweiheit’; dass aber andererseits beide Kommunikationsformen gerade im Moment ihrer beginnenden Trennung aufs engste miteinander verzahnt sind, da für sie offensichtlich der gleiche historische Problemdruck – Erfahrungsfülle, Beschleunigung, Technisierung – gilt.

     

    Publikation:

    Martina King: Naturforschung in Lucca: zu einem vergessenen Empirisierungsschub in der jungdeutschen Reiseliteratur, in: Philip Ajouri, Benjamin Specht (Ed.): Empirisierung des Transzendentalen. Abschlussband des DFG-Netzwerks (in print, Göttingen 2019)

  • Kultur- und Mediengeschichte von Ansteckung und Seuchen (King)

    Die westafrikanische Ebola-Epidemie des Jahres 2014 hat erneut ins kulturelle Gedächtnis gerufen, was immer schon zur Geschichte der Seuchen gehört: Der plötzliche Ausbruch tödlicher Massenerkrankungen wird nicht nur zur physischen und sozialen Katastrophe sondern auch zum medialen Ereignis. Apokalyptisches Sterben ganzer Gesellschaftsgruppen hat immer schon mediale Antworten provoziert, die Entwicklung des modernen Journalismus ebenso wie diejenige novellistischen Erzählens vorangetrieben und die Ausdifferenzierung der modernen Massenmedien befördert – von den Pesttagebüchern der frühen Neuzeit und den Seuchen-Novellen des 18. und 19. Jahrhunderts über die illustrierten Periodika der Choleraepoche bis zu den Viren-Thrillern Hollywoods. So gehört der Zusammenhang von Epidemien, ihren medialen und literarischen Repräsentationen sowie den involvierten politischen und ästhetischen Dimensionen zu unseren zentralen Erkenntnisinteressen.

  • Seeing the Infant: Media Technologies and the History of Child Psychiatry (Rietmann)

    Seeing the Infant explores epistemic, social, and cultural dimensions of the use of audiovisual technologies in infant psychology and psychiatry in the USA and Western Europe from the mid-twentieth to the present. It investigates how scientific and medical practitioners employed cinematography, video, computational assessment methods, and digital interfaces to analyze the psychology of young children, diagnose normal and pathological development in infants, and treat relationship problems within families. The study engages with the increasing presence of old and new media in laboratories and clinics, and asks about both the limits these media pose and the opportunities they offer to science and medicine. Partly, it uses infant research as a case study of broader media-historical changes and sheds light on the historical backgrounds and potential implications of, by now, quotidian scientific and clinical tools. But the project is also an inquiry into a specific field of medical and scientific expertise. It investigates the emergence of the recent sub-specialty of infant mental health and not only explores how this multi-disciplinary field shaped and was shaped by audiovisual technologies but also how both the discipline and the technologies have contributed to the ways we conceptualize, treat, and educate families and children today.

  • Raising a Well-Grown Child: Material and Media Cultures of Early Pediatrics (Rietmann)

    During the 19th century, children moved into the focus of a blossoming material and media culture. A growing market of parent advice literature offered information on topics ranging from nutrition to moral education. An increasingly broad range of toys and educational devices, such as baby walkers and writing helps, sought to assist and discipline the child during learning. The nascent specialty of pediatrics was deeply embedded and participated in this culture. Medical practitioners wrote advice, developed medical tinctures, and patented devices for healthy growth and upbringing. The project investigates how these new material, media, and medical cultures of childhood produced ideas and discourses about health and illness, and normal and pathological development. It explores how childhood was discovered as a subject for health care in the public sphere and inquires into the cultural and medical meanings that have thus become attached to it.

  • Genealogie ökologischen Denkens in der Biologie und Medizin, 1800-1900 (Bühlmann)

    Seit den 1950er-Jahren wird das Verhältnis lebender Organismen zu ihrem Umgebenden zunehmend ausserhalb der klassischen Ökologie zum Gegenstand reflexiver Anstrengungen anderer Wissensbereiche und durchdringt deren Diskurse sowie Handlungsweisen: In der modernen Medizin und Biologie ist die Umgebungsbeziehung lebender Organismen in der Vorstellung der (Auto-)Regulation fest etabliert. Das Dissertationsprojekt geht dem Gewordensein dieses systemisch-ökologischen Denkens der Gegenwart in den medizinischen und biologischen Diskursen und Praktiken seit ihrem Auftauchen Ende des 18 Jahrhunderts nach. Im Zeitraum zwischen 1800 und 1900 untersucht das Projekt aus historisch-epistemologischer Perspektive drei Episoden medizinischer und biologischer Wissensproduktion mit Blick auf das Verhältnis lebender Organismen und ihrem Umgebenden. Der Fokus liegt dabei auf den für die Moderne relevanten Umgebungskonzepten – dem »Milieu« und der »Umwelt«.

    Ende des 18. Jahrhunderts wird bekanntermassen das Leben und der »Organismus«, darin dieses situiert ist, zum zentralen Erkenntnisgegenstand der sich ausdifferenzierenden Wissenschaften vom Lebendigen, vor allem Physiologie und Naturgeschichte. Dabei rückt auch die Umgebung der Organismen in den Blick der Forschenden und organisiert gleichermassen biologische wie medizinische  Diskurse und Praktiken; zu denken ist einerseits an die von Lamarck beschriebene Anpassung des Lebewesens an Umweltbedingungen, andererseits an jenes dynamische Verhältnis von externen Reizen und interner Reizbarkeit des Organismus, das die deutsche Brown-Rezeption prägt (I).

    Um 1850 wird das Umgebende als »milieu intérieur« von der experimentellen Physiologie Claude Bernards im Inneren lebender Organismen lokalisiert und ermöglicht diesen dadurch sich – mehr oder weniger – unabhängig von äusseren Umgebungen zu erhalten und regulieren. Dieses physiologische Verhältnis von Organismen und ihrem Umgebenden wird Anfang des 20. Jahrhunderts in die Regulationsvorstellung der Homöostase integriert (II). In der frühen Ökologie um 1900 bei Jakob von Uexküll werden die Organismen dagegen explizit zu ihrem Umgebenden als »Umwelten« ins Verhältnis gesetzt, wobei sich ein Regulationsmechanismus im Sinne eines Feedbacks abzuzeichnen beginnt (III). Mitte des 20. Jahrhunderts schliessen sich Homöostase und Feedback in der Vorstellung der rückgekoppelten Regulation kurz, darauf das systemisch-ökologische Denken der Molekularbiologie (Jacob) sowie der modernen medizinischen Forschung und Therapie beruht.

    Das Projekt nimmt sich damit eines doppelten Forschungsdesiderates an: In Auseinandersetzung mit rezenter Forschung zur historisch-ökologischen Wissenschaftsgeschichte wird das Narrativ des unabhängigen Organismus der Physiologiegeschichte durchbrochen und zugleich die Ökologiegeschichte um das bislang vernachlässigte, physiologische Umgebungswissen erweitert. Diese Rückkopplung erlaubt es, einen missing link zwischen der Ökologie- und Physiologiegeschichte aufzudecken und gleichzeitig die historische Reichweite des gegenwärtigen ökologischen Denkens zu ermessen.

  • Corps, santé, nature : représentations littéraires de la santé dans la littérature française et francophone aux 20è et 21è s. (Knebusch)

    Comment les écrivains ont senti leur santé et ce faisant, quelle place ont-ils accordé à la nature et au paysage ? L’enjeu de la recherche consistera à identifier une périodisation fine permettant de mesurer des moments de cristallisation, ou au contraire de relâchement, entre littérature, nature et santé en fonction des lieux et de l’évolution des contextes, à la fois politiques, sociaux, scientifiques et littéraires