Thema

˶Mais c’est vieux comme le monde, la machine de ce farceur d’Apollinaire!ʺ Der symbolistische Poet Fagus konnte nicht wissen, wie Recht er hatte, als er 1914 die ersten Kalligramme entdeckte, die von ihrem Autor als ˶neuartigʺ präsentiert wurden und die am Ursprung einer bis dahin beinahe unbekannten visuellen Lyrik standen. Im 19. und 20. Jahrhundert zeugen die konkrete Poesie, der Spatialismus, die Verbophonie oder der Lettrismus von den vielen kreativen Versuchen, Schrift mittels Formen und Figuren darzustellen. Die Kulturgeschichte hat jedoch nicht auf die experimentelle Poesie gewartet, um das Darstellen von Zeichen (Buchstaben, Zahlen, Neumen und anderen Symbolen) zum Ereignis werden zu lassen, das sich zur Lektüre und zur Betrachtung zugleich anbietet. Lange vor den surrealistischen und dadaistischen Strömungen interessierten sich Antike und Mittelalter bereits für schrift-bildliche Darstellungen.

Wenn auch greifbare Zeugnisse von Rückgriffen Apollinaires auf die mittelalterliche Poesie fehlen, so sind doch wenigstens Anleihen bei seinem Namensvetter dem manieristischen Poeten Sidonius Apollinaris (430–486), einem grossen Anhänger der graphischen Künste zu Beginn des Mittelalters auszumachen und sie unterstreichen die Verwandtschaft seines Werkes mit den Gedankenspielen und anderen Kombinationen von Symbolen, die den mittelalterlichen Denkern lieb waren.

Die Merkmale sind die gleichen, beginnend mit der Ablehnung der Linearität und der eindeutigen Beurteilung zu Gunsten alternativer Systeme und der symbolischen Bedeutung, die jedem Buchstaben, jeder Zahl oder musikalischen Note beigemessen wird. Denn das Mittelalter gab sich nicht mit dem Genuss für Augen und Ohren durch rethorische und buchgestalterische Meisterwerke zufrieden, sondern legte darüber hinaus dem verbum figuratum eine moralische und erbauliche Bedeutung bei. Die berühmten Verse des Alanus ab Insulis „Omnis mundi creatura / Quasi liber et pictura ...“ erinnern daran, dass das Schreiben die Schöpfung ebenso gut zur Sprache bringt wie sie sie auf dem Blatt sichtbar werden lässt. Dies veranschaulicht in hervorragender Weise die Flut von carmina figurata, die sich von Milo von St. Amand oder von Venantius Fortunatus aus in der lateinischen und der volkssprachigen Literatur ausbreitet und seinen Höhepunkt im Liber de laudibus Sanctae Crucis des Hrabanus Maurus erreicht. In diesem Meisterwerk schmückt er den Text mit Miniaturen, die als erklärende und als poetische Elemente das Symbol des Kreuzes mit dem Mysterium Christi verbinden. Der Abt von Fulda erreicht in seinen Figurengedichten die vollkommene Konvergenz verschiedener Ausdruckssysteme, die den Traum des ut pictura poesis wahr machen: das formale Zeichen wird zum Träger, ja zur Auslegung des Textsinns.
Im Zeitalter des Von-Hand-Schreibens haben es die mittelalterlichen Produzenten verstanden, in der Kalligrafie und in dem mit ihr verbundenen Buchschmuck Inhalt und Form zu verbinden oder – ganz im Gegenteil ‒ zwischen ihnen eine sinntragende Spannung entstehen zu lassen. Die Buchmalerei verbindet Schrift und Malerei auf der Buchseite zu einer gemeinsamen Geometrie, um so eine reichere und zuverlässigere oder eben – im Gegenteil – eine mehrsinnige Bedeutung herzustellen. Denn die Zeichen zu gestalten, kann ebenso gut darauf hinauslaufen, ihren Sinn zu verdeutlichen, wie auch einzugreifen, um sie mehrdeutig werden zu lassen. Metamorphosen ausgesetzt, können der Buchstabe, die Ziffer oder die Note in ihren Strichen und Bögen eine andere Botschaft verbergen als die des arbiträren Zeichens, das sie zunächst darstellen; ihre Form ist daher im Stande, den Sinn, den sie wiedergeben, anzureichern, zu differenzieren oder ihm gar zu widersprechen.
Das Interesse des hier angekündigten Graduiertenkurses gilt der handschriftlichen Seite als Raum des Dialogs, des Austauschs und der Wechselwirkung zwischen ihrer Bedeutung (signifié) und deren graphischer Gestaltung (signifiant), zwischen Inhalt und Form. Er möchte die Aufmerksamkeit auf jegliche schrift-bildliche Figurationen und Systeme des Mittelalters (vom 8.–15. Jh) richten, wobei nicht nur deren ästhetische Absichten in den Blick genommen werden sollen, sondern auch die moralischen, ideologischen, politischen und spirituellen, die auf sie Einfluss nehmen. Carmen figuratum, Devise, Anagramm, Kontrapunkt, Bildlegende, Ideogramm, verschlüsselte Noationen und Signaturen, titulus, Akrostichon, Palindrom, Labyrinth, Bustrophedon und Bildgedicht werden im Mittelpunkt des Nachdenkens über die vielfältigen Lesemöglichkeiten stehen, die jede Art von Korrelation zwischen Texten und ihren Figurationen bietet.
Der Kurs bevorzugt eine interdisziplinäre Annäherung an das Thema und richtet sich an mediävistische DoktorandInnen folgender Fächer: lateinische und volkssprachige Literaturen, Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Paläographie und Kodikologie, Musik- und Liturgiewissenschaften ebenso wie die Philologie.
Die DoktorandInnen sind eingeladen, ihre Forschungsthemen vor einem interdisziplinären Publikum zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Ziel des über drei Tage durchgeführten Graduiertenkurses ist die Förderung der qualifizierten DoktorandInnenausbildung im Bereich der mediävistischen Grundlagenforschung.
Der Graduiertenkurs wird vom Mediävistischen Institut der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit den mediävistischen Zentren der Schweiz organisiert und ist Bestandteil des Doktoratsprogramms «Mediävistik» der CUSO (Conférences des universités de Suisse Occidentale).
Eine Teilnahme ist aber auch für Nichtmitglieder dieses Programms sowohl aus anderen Schweizer Universitäten als auch aus dem Ausland möglich. Kurssprachen sind Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. Die Zahl der Teilnehmer ist auf 12 DoktorandInnen begrenzt.