(Résumé en français en bas) 

 

Die Biodynamik und ihre Werkzeuge, um Weltbezüge herzustellen

 

Durch eine ethnographische Feldforschung und durch semi-strukturierte Interviews wird untersucht, welche weltanschaulichen und konkrete Aspekte die Biodynamiker primär beschäftigen. Die bisherige Auswertung der Äusserungen der Informanten deuten darauf hin, dass biodynamische Verfahren Resonanzbeziehungen (Rosa 2016, Taylor, 2007) zwischen sich und ihrem Umfeld in der alltäglichen Arbeit anstreben bzw. ermöglichen sollen. Die Arbeit mit den Präparaten, die nach dem biologisch-dynamischen Verständnis das «Herzstück» dieser Landwirtschaftsform bildet, könnte somit als «Training» verstanden werden, welches es den jeweiligen Biodynamikern ermöglichen soll, sich in ihren Hoforganismus sowie zugleich das «grosse Ganze» einzuschreiben. Die Beschäftigung mit den Präparatepflanzen – die Kollekte, das Trocknen, deren Synthetisierung mit andern mineralischen oder tierischen Stoffen, deren Lagerung und deren Ausbringung – verleitet die Landwirte dazu in Jahres- und Tageszeiten zu denken und zu handeln. Der anthroposophische Überbau der Biodynamik wird also nicht nur über Glaubenskategorien verinnerlicht, sondern womöglich vor allem auch über die Praxis, und dies im Besonderen wenn Quereinsteiger sich der Demeter Landwirtschaft anschliessen. Dies steht auch nicht im Widerspruch zu den Aussagen der Sektionsleiter am Goetheanum, die immer wieder betonen, dass die Präparate nur durch deren Herstellung und Anwendung verstanden und erfahren werden können (Vgl. Hurter 2018: 9). Weltanschaulicher Überbau und konkrete Handlungen vereinen sich demnach auf spezifische Weise, um den Weltbezug neu zu kalibrieren. Die Präparate haben demnach auch zum Ziel eine bestimmte Wahrnehmungsschablone zu formen. Und wer sein Anbauland und seine Weide mit der Frage konfrontiert: Inwiefern bist du anders als jene vom konventionellen Nachbarn, dem wird sein Land mit Hinweisen antworten. Insofern liegt in der Arbeit mit den Präparaten, die Möglichkeit enthalten sich in ein epistemologisches Spiegelkabinett zu begeben.

 

Ähnlich verhält es sich mit den täglichen Interaktionen zwischen den Landwirten und deren Nutztieren. Um das Verhalten und die «Astralität» der Tiere zu eruieren, unterstreichen die Landwirte, die Relation und Kommunikation, die zwischen ihnen und ihren Tieren aufkommt sowie gelegentlich auch die affektiven Bezüge, die bei der Anwendung der «Bildekräfteforschung» aufkommen. In diesem Zusammenhang spielen Resonanzen und Beziehungen demnach eine zentrale Rolle und sollen zu praktischem Wissen für den Alltag führen. Aber nicht nur - auch ethische Fragen kommen in diesem Kontext auf:  welches Tier darf ich schlachten? Wie soll ich meine Tiere halten? Des Weiteren materialisiert sich der weltanschauliche Überbau ganz konkret: da beispielweise Kühe auf Demeter-Höfen Hörner tragen, werden grössere Ställe gebaut, um Nähe und Rangkämpfe zu vermeiden. Auch in diesem Sinne fungiert der anthroposophische Überbau als Werkzeug für konkrete Handlungen und nicht als simple Glaubenskategorie.

 

Während die individuelle Aneignung der Biodynamik durch biografische und soziale Unterschiede und Einschätzungen stark geprägt werden und die biodynamische Anbauweise auf jedem Hof anders zur Anwendung kommt, bleiben allerdings u.a. zwei Tendenzen als Trennlinie bestehen. Dies wäre zum einen die Kritik an der industriell-konventionellen Landwirtschaft, die für eine Degenerierung der Lebensmittel, Lebewesen und Umwelt verantwortlich gemacht wird. Zum andern wäre dies ein ambivalentes Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Einige Biodynamiker wollen ihre Anbaumethode nach naturwissenschaftlichen evaluiert wissen. So laufen denn auch Studien an agrarwissenschaftlichen Instituten, die die biodynamische Wirtschaftsweise nach quantitativen Methoden untersuchen soll. Charakteristisch für die aus der Anthroposophie stammende Bewegung ist zugleich jedoch auch ihre Kritik an den Naturwissenschaften, der sie vorwerfen nicht den subjektiven Standpunkt als objektive Realität in ihre Analysen einzubeziehen. 

 

Die Arbeit wird von Prof. Oliver Krüger betreut. 

 

References