Dossier

Ein Gespenst geht um

Neurodegenerative Krankheiten sind zur Seuche unserer Zeit geworden. Sie greifen unser teuerstes Gut an: die Autonomie.

Es ist die eigenartigste Bushaltestelle der Welt. Hier kommt nie ein Bus vorbei, hier wartet man lang, und länger, und noch länger – bis einen jemand abholt. Oder bis man vergessen hat, wohin man überhaupt wollte und wieder umkehrt. Auch eine Strasse führt hier keine vorbei; die Haltestelle steht auf einer Wiese im Innenhof der Münchner Pflegeanstalt Münchenstift. Dass nicht weiterkommt, wer hier wartet, ist durchaus Absicht: Hier machen Demenzkranke Halt, die sich von ihrer Station aufgemacht haben, auf unbestimmte Wanderschaft. Früher hat das Personal sie häufig an der nächsten Bushaltestelle draussen vor dem Pflegeheim wiedergefunden, heute bleiben sie schon auf dem Areal selber hängen. Eine grosse Erleichterung für den Heimalltag – aber ist diese bewusste Täuschung ein würdevoller Umgang mit Patienten? Genau zehn Jahre ist es her, dass in Deutschland die erste Haltestellen-Attrappe aufgebaut wurde – viele Spitäler und Pflegeheime in Deutschland und Österreich machten es nach. In der Schweiz gibt es bislang keine Phantom-Haltestellen, hier lässt man Patienten lieber zum Schein verreisen, wie im Domicil Bethlehemacker in Bern, wo sie in einem Zugabteil Platz nehmen und per Videoprojektion einen Ausflug nach Brig machen können. Wer nun an Kindergarten denkt, der liegt gar nicht mal so falsch, das wusste schon Shakespeare. Aber dazu später.

 

Der schöne Schein in der Betreuung von Menschen mit Demenz sorgt für Diskussionen. Darf man das? Und darf man die Täuschung sogar noch weitertreiben? Damit demente Patienten sich gar nicht erst davonmachen können, werden in manchen Heimen Türen als Bücherregal oder mit Vorhängen getarnt. Und in schön euphemistisch benannten geschützten Gärten setzt man Hecken vor die Tore, so dass die Spazierwege endlos im Kreis gehen und sich keine «Ausfahrten» anbieten. Neben solchen freundlich gemeinten Tarnstrategien mutet die Massnahme fast schon zynisch an, Türen mit Zahlencodes zu versehen. Die dürfen zwar auch die Patienten wissen, doch gehen sie – naturgemäss – rasch vergessen.

 

Anderes Beispiel, selbes Problemfeld: Japan, wo der demografische Wandel zu noch grösseren Betreuungsengpässen führt als bei uns. Man setzt da traditionell lieber auf Technologie als auf gesellschaftliche Öffnung, durch Migration beispielsweise. Also hilft in Pflegeheimen seit einigen Jahren ein Plüschtier bei der Betreuung, die Robbe Paro. Paro ist viel mehr als ein Knuddelspielzeug, die weisse kleine Robbe gilt als der erste «Pflegeroboter» der Welt. Sie reagiert auf Berührung und Sprache und hat – wie zahlreiche Studien gezeigt haben – einen durchaus positiven Effekt auf die Heimbewohner. Versuche mit Paro gibt es auch in der Schweiz, und auch hier mischt sich bei der Diskussion Faszination und Ablehnung. Ist es legitim, dementen Patienten eine Maschine in den Arm zu drücken, damit sie sich beruhigen? Und vor allem: Würde man sich selber täuschen lassen wollen, sollte man dereinst einer dieser Patienten sein? Könnte man sich das für sich selbst vorstellen, so ein substituiertes Glück?

 

Damoklesschwert Demenz

Fragen zum Umgang mit Demenz werfen uns zwangsläufig auf uns selbst zurück. Jeder könnte betroffen sein, jeder fürchtet sich vor dem Alter, vor dem geistigen Zerfall. Mit einer seltsamen Obsession werden alle paar Jahre die steigenden Fallzahlen vermeldet und regelmässig wird auf die Betreuungsmisere und die explodierenden Kosten aufmerksam gemacht, die auf uns zukommen. Im Fachjournal «Nature» war unlängst von einem drohenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems die Rede, von möglicherweise einer Billion Dollar, die Demenzkranke im Jahr 2050 allein in den USA an Kosten verursachen werden. Zum Vergleich: Derzeit stehen die gesamten Gesundheitskosten in den USA mit rund vier Billionen Dollar zu Buche. Und es müsste ja eigentlich gespart werden.

 

Aber nah gehen uns die Alzheimerschicksale vor allem auf persönlicher Ebene: Nacherzählungen in Buch und Film sind so etwas wie die Schauerromane unserer Zeit: ein unsichtbares Böses, ein leiser, unheimlicher Anfang, dann ein Hoffen und Bangen – aber kein gutes Ende. Und ganz passend auch zum Schauerroman: Demenz ist irgendwie unsichtbar, sie hat keine laute Lobby, wie etwa die Krebsforschung. «The victims of the disease hide out», meinte ein Experte im Nature-Feature zum Problem, dass die Forschungsausgaben der gesellschaftlichen Relevanz schon lange hinterherhinken. Man könnte auch sagen: Demenz ist das Gespenst, das uns regelmässig heimsucht. Von dem wir aber lieber denken, das es gar nicht existiert.

 

Man kann die Frage, ob das Alzheimer-Problem ein immer grösser werdendes ist, auch so stellen: Warum befassen wir uns immer intensiver mit diesem Leiden, vor allem auf gesellschaftlicher und erst nachfolgend auf medizinischer Ebene? Alzheimer also als Leitmotiv unserer Leistungsgesellschaft und vor allem: unserer Besessenheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, mit selbstgefundenem Glück und selbsterarbeitetem Erfolg, bis zum Schluss. Und selbstbestimmtem Tod? Wegdämmern, verkümmern, sich (und die Kontrolle) allmählich verlieren: So sieht man das Sterben heute nicht mehr gern. Ein klarer Schnitt, ein kurzes Ende, ein möglichst unbeeinträchtigtes Sein bis zum plötzlichen Schluss – so wird heute idealerweise gestorben.

 

In einem Porträt der Zeitung «Die Zeit» zitierte Ruth Schäubli, Witwe eines Demenzkranken und Streiterin dafür, dass Sterbehilfe auch in solchen Fällen akzeptiert wird, aus dem Tagebuch ihres Mannes: «Vergessen heisst langsam zu Tode gequält werden. Granit zerbricht in Staub, was fest war, wird zur Wüste.» Und, den Dämon beim Namen nennend: «Deine Freude, deine Liebe wird aufgefressen von einem Untier, das ohne Gnade ist, dem Alzheimer.» So geplagt, wählte ihr Gatte lieber den Freitod, und sie will es ihm, sollte es ihr dereinst ähnlich ergehen, gleichtun. Dieser Position der Selbstbestimmung im Alter auf der einen Seite steht auf der anderen Seite die Rolle der Alten in der Gesellschaft gegenüber. Heute sieht man die Alten nicht mehr als Quelle der Weisheit, als Stütze für die Gemeinschaft, sondern, je älter sie werden, umso mehr als sozioökonomischer Faktor, als statistische Grösse; im schlimmsten Fall bloss als Last für die Gesellschaft. Ob es da womöglich einen Zusammenhang zur digitalen Revolution gibt? Zum grossen Weltspeicher des Wissens? Früher, sehr viel früher, als die Kultur in oraler Tradition weitergegeben wurde, konnte das Wissen nicht anders festgehalten werden als im Kopf. Je älter so ein Kopf war, umso erfahrener war er auch: Der Schatz an Wissen lag bei den Alten, wurde von ihnen weitergegeben. Heute, in Zeiten der Innovations-Versessenheit, kommt Neues (ergo Nützliches) von den Jungen, so wird es uns eingebleut. Daran werden auch Initiativen wie jene der Swiss Re nichts ändern, die Anreize schaffen will, auch ältere Mitarbeitende in der Firma zu halten, anstatt sie möglichst früh in Rente zu schicken, und sie stärker mit Jungen zusammenarbeiten zu lassen, damit diese vom Erfahrungsschatz profitieren können.

 

Wie alt ist Alzheimer?

Nicht jeder alte Mensch wird auch dement, obwohl das Alter eindeutig der grösste Risikofaktor ist. Und weil wir immer älter werden, ist davon auszugehen, dass in Zukunft auch immer mehr Leute dement werden. 120’000 Menschen leben heute in der Schweiz mit der Krankheit, bis 2030 rechnet die Schweizerische Alzheimer-Vereinigung mit 300’000 Betroffenen. Und aus England kommt die Meldung, dass Demenz seit 2015 die häufigste Todesursache ist, noch vor koronaren Herzkrankheiten. Manche nennen es eine Epidemie. Ansteckend im klassischen Sinn einer Epidemie ist Alzheimer natürlich nicht (obwohl die These einer Infektiösität – ein unbekanntes Virus vielleicht? Oder etwas ähnliches wie die Prionen bei Creutzfeld Jacob? – gerade in jüngster Zeit in Fachkreisen Aufwind gewonnen hat), aber zumindest nahm die Anzahl publizierter Fachartikel wie populärer Texte zum Thema in den letzten Jahrzehnten lawinenartig zu.

 

Gab es früher tatsächlich viel weniger demente Menschen als heute? Wann wäre die Krankheit demnach aufgetaucht? Nicht leicht zu beantwortende Fragen – denn es ist notorisch schwierig, eine Krankheit quantitativ durch die Medizingeschichte zu verfolgen, zu vielfältig sind die Verstecke und Schleichwege, die sie dabei nimmt – kulturelle Setzungen, neu entwickelte Diagnosemöglichkeiten, der Fokus der Ärzteschaft. Qualitativ geht das sehr viel besser: man folgt da einer Krankheit, indem man sich die gesellschaftlichen Umstände anschaut, in der sie auftaucht, und die Diskussionen, in die sie verflochten ist. So kommt man der Demenz viel eher auf die Schliche.

 

Man kann ja durchaus mal die ganz grundsätzliche Frage stellen, was Krankheiten denn sind, ganz eigentlich? Stehen sie auf festem objektiven Grund oder sind sie im dauernden kulturellen Fluss? Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, eine Krankheit zu definieren, sie abzugrenzen von anderen Leiden und vor allem vom weiten Feld der Gesundheit – das gilt bei Demenz ganz besonders. Wie definiert sich Kranksein? Und wer hat da die Deutungshoheit: der Arzt oder der Patient? Physiologische Merkmale sind im Laufe der Medizingeschichte immer wichtiger geworden, und gerade bei Alzheimer scheinen handfeste Veränderungen in der Gehirnstruktur der entscheidende Faktor zu sein. Doch auch hier ist die Abgrenzung von krank und gesund komplexer als man zunächst annehmen möchte. Klar ist, dass der Medizinbetrieb nicht zuletzt im Dialog von Arzt und Patient auf möglichst klare Schubladen angewiesen ist – wenn in dieser Schublade dann auch noch ein passendes Präparat liegt, umso besser. Da erstaunt es nicht, dass manche argwöhnen, die diagnostischen Schubladen wären ja schon lange dieselben wie die am Pillenschrank, ja der Pillenschrank (auch bekannt als die Pharmaindustrie) diktiere die diagnostischen Kategorien. Galten gesund und krank noch bis vor nicht langer Zeit als normative Kategorien, so wären es nun ökonomische geworden. Und die Demenz wäre eine sehr grosse Schublade, diesbezüglich. Manche Krankheiten kommen und gehen wieder, manche bleiben. Für manche gibt es die passende Pille, für andere (noch) nicht. Aber auch die vermeintlich bleibenden unterliegen subtilen Wandlungen. So ist es auch mit der Demenz – beziehungsweise mit der Altersschwäche des Geistes. Das Problem gab es schon immer, aber als Krankheit wurde es nicht unbedingt gesehen, und wenn es gesehen wurde, so konnte es alle möglichen Namen tragen: Die Betroffenen waren furiosi (Verrückte), phrenetici (Wahnsinnige), lunatici (Mondsüchtige) oder fatuitas (Blödsinnige). So spottete der Autor Harry Rowohlt noch vor ein paar Jahren: «Früher, wenn man sich keine Namen merken konnte, hiess das vergesslich. Inzwischen heisst das Alzheimer. Und wieder muss man sich einen Namen merken.»

 

Gemerkt haben wir uns den indessen schon lang. Um auf den Schauerroman zurückzukommen: Man könnte sagen, Alzheimer ist zu einer dieser dämonischen Krankheiten geworden, die oft ebenso viel über einen zeitgeschichtlichen Moment verraten wie über medizinische Zusammenhänge. Mitunter kommt es einem schon fast ein wenig wie eine Heimsuchung vor: Wir stehen wie gebannt vor dieser neuen Geissel, auf die wir noch keine Antwort haben. Die Gesellschaft ändert sich: Früher wurden wir alt, heute werden wir immer älter. Und mit dem Alter ändert unsere Rolle auf den Brettern, die die Welt bedeuten, es kommt die Hilflosigkeit der Kindheit zurück. Shakespeare, «Wie es euch gefällt»:

 

«Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin.
[…] Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles»

 

Die Demenz als Krankheit gibt es erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Begriff Demenz – im Wortsinn so etwas wie eine Ent-Geistigung, ein Kopf mit nichts drin – ist zwar über 2000 Jahre alt und findet sich schon bei Cicero. Beim römischen Enzyklopädisten Oelsus taucht er erstmals im medizinischen Sinne auf, allerdings nicht in der Bedeutung irreversiblen geistigen Abbaus, sondern einer länger anhaltenden Sinnestäuschung. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts fand der Begriff zur heutigen Bedeutung: Der Pariser Psychiatrie-Wegbereiter Philippe Pinel grenzte um 1800 die démence sénile vom angeborenen Schwachsinn ab und von seinem Schüler Jean Etienne Dominique Esquirol kommt der wohl prägendste Satz der Psychiatriegeschichte zur Demenz: «Der Demente ist der Güter beraubt, deren er sich sonst erfreute, er ist ein Armer, der früher reich war.»

 

Davor gab es bloss anekdotische Notizen zur Demenz, zum Beispiel von William Salmon, der 1694 vom wahrscheinlich altersdementen Sir John Roberts of Bromley by Bow erzählte, der innerhalb einer Viertelstunde fünf oder sechs Mal dieselbe Frage («Was gibt es Neues in London?») stellen konnte und seinen Arzt, obschon mit ihm verwandt, nicht wiedererkannte. Und wurde wieder zum Kind: «For Sir John was not mad, or distracted like a man in Bedlam, yet he was so depraved in his intellect, that he was becomenot only a perfect child in understanding but also foolish withall.» Und einen detaillierten Bericht gibt ein anonymer Korrespondent 1785 im «Magazin zur Erfahrungsseelenkunde Gnothi Sauton». Es geht um einen gewissen «Johann Christoph Becker, 1710 in Halberstadt geboren, mehr als 40 Jahre Pröbstey-Bote in Quedlinburg, immer etwas simpel, […] seit ohngefähr 12 bis 15 Jahren hat das Gedächtnis angefangen ihn zu verlassen und dieser Fehler hat von Zeit zu Zeit merklich zugenommen. Sein Gedächtnis nahm endlich, seit fünf Jahren dergestalt ab, dass er unten im Hause schon alles wieder vergessen hatte, was ihm auf der Stube gesagt war. Doch behielt er dabei noch übrigens immer seinen guten Menschenverstand, sahe auch diesen Fehler selbst ein, und bat immer, dass man nur mit ihm Geduld haben möge. Und als er nun aus aller Thätigkeit gesetzt wurde, fing sein Verstand an, zu scheitern, und alle seine Seelenkräfte merklich abzunehmen. Das Gedächtnis verlässt ihn von Tage zu Tage immer mehr, wobei jedoch das etwas Auffallendes ist, dass er sich solcher Dinge, die vor 30 bis 40 Jahren geschehen, und besonders ihm selbst wiederfahren sind, noch recht gut erinnert Seit einem Jahr hat er sich den unglücklichen Gedanken im Kopf gesetzt, dass er geschlachtet und aus seinem Fleische Würste gemacht werden sollten.»

 

Auch sehr unglücklich liest sich das wohl schönste Beispiel, das allerdings nicht aus der Fachliteratur, sondern aus einem literarischen Klassiker kommt. Jonathan Swift schildert 1723 in «Gullivers Reisen» die Begegnung seines Helden mit den unsterblichen, aber dennoch alternden Struldbruggs, die auf einer Insel irgendwo bei Japan leben. Durch ihre Vergesslichkeit verlieren diese Greise, allmählich die Fähigkeit zur Kommunikation und insbesondere zum Lesen. «Aus dem gleichen Grund können sie sich niemals mit Lesen vergnügen, denn ihr Gedächtnis trägt sie nicht von dem Beginn eines Satzes bis zu dessen Ende. Und durch diesen Mangel sind sie der einzigen Unterhaltung beraubt, deren sie sonst noch fähig wären.»

 

Der Auftritt des Alois Alzheimer

Und dann kam Alzheimer. Es ist eine Geschichte, die durchaus auch der Feder eines Schriftstellers hätte entspringen können. Eine gewisse Auguste D., Patientin in der «Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische» in Frankfurt am Main, «fand sich in ihrer Wohnung nicht zurecht, schleppte Gegenstände hin und her, versteckte sie, zuweilen glaubte sie, man wolle sie umbringen. In der Anstalt trug ihr ganzes Gebaren den Stempel völliger Ratlosigkeit. Oft schreit sie viele Stunden lang mit grässlicher Stimme. Die Kranke war schließlich völlig stumpf, mit angezogenen Beinen zu Bett gelegen, hatte unter sich gelassen. Nach viereinhalbjähriger Krankheitsdauer tritt der Tod ein.» So schreibt es der behandelnde Arzt Alois Alzheimer 1906 in seine Akten, und eigentlich war der Befund klar: «Demenz» – komplette geistige Verwirrung. Normalerweise stellt er diese Diagnose allerdings nur bei älteren Patienten, jenseits der 70 Jahre. Auguste Deter aber ist erst 51. Alzheimer ist fasziniert, akribisch protokolliert er die Befragungen der Patientin: «Wie heißen Sie?»–«Auguste.»– «Familienname?» – «Auguste.» – «Wie heisst ihr Mann?» – «Ich glaube… Auguste.» Und er wartet auf den Tod seines ungewöhnlichen Falls. Denn Alzheimer will nicht nur die Psyche seiner Patientin untersuchen, sondern auch ihr Gehirn. Ihn treibt so etwas wie eine fixe Idee um, man nannte ihn auch den Irrenarzt mit dem Mikroskop. Tagsüber war er im Spitalalltag eingebunden, nachts aber stieg er in den Keller der Anstalt hinunter, wo er und sein Kollege Franz Nissl ein kleines Forschungslabor eingerichtet hatten. Sie glaubten an organische Ursachen psychischer Erkrankungen und untersuchten systematisch die Hirnrinde Verstorbener. Lange ohne Erfolg, doch als sie das Gehirn von Auguste Deter untersuchen, fallen Alzheimer sofort eigenartige Veränderungen auf.

 

Mit diesem Blick durchs Mikroskop tritt die Demenz aus dem Bühnenhintergrund und wird vom medizinischen Statisten allmählich zum Hauptdarsteller. Als Alzheimer seine Befunde an der «37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte» in Tübingen vorstellt («Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde»), deutet allerdings noch nichts darauf hin. Niemand der Anwesenden ahnt, dass sie gerade einem wissenschaftshistorisch bedeutenden Ereignis beiwohnen, wohl nicht mal Alzheimer selbst. Im Protokoll der Versammlung wird kurz vermerkt, die Kollegen hätten «keinen Diskussionsbedarf» gesehen. Es war nicht so, dass Alzheimer ein kompletter Sonderling war, als er im Gehirngewebe nach Krankheiten suchte. Seine Idee der Verknüpfung von Krankenbeobachtung und pathophysiologischer Forschung war durchaus en vogue zu der Zeit. Auch Freud hatte seine Karriere ja so angefangen, er promovierte «über das Rückenmark niederer Fischarten», um sich dann in seiner Forschung dem neu entwickelten Wirkstoff Kokain zuzuwenden – auch da interessierte er sich für die physiologischen Wirkungen im Gehirn. (Und, nebenbei, natürlich auch für die ganz persönlichen psychologischen, in einem Brief schrieb er: «In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich wieder Coca genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf die Höhe gehoben. Ich bin eben beschäftigt, für das Loblied auf dieses Zaubermittel Literatur zu sammeln.») Erst mit den «Studien über Hysterie», geschrieben 1895, machte Freud den entscheidenden Schritt weg von physiologischen Studien und hin zur klassischen Psychoanalyse. Mit dieser Arbeit wollte Freud die Hysterie neu definieren (da ist sie wieder, die raison d’être des Arztes als Forschernatur), wobei er unter anderem den Begriff Konversionsneurose einführte, weil hier nach seiner Ansicht psychisches Leiden in körperliches umgeformt wurde. Alzheimer dagegen sollte zum Inbegriff der Krankheit werden, bei der eine körperliche Degeneration Auswirkungen auf das Geistesleben hat. Der Zerfall des Hirns als Organ und daraus folgend der allmähliche, unaufhaltsame Zerfall des Seins. Es ist wohl der unheimlichste Krankheitsverlauf, den wir uns vorstellen können.

 

Aus Mangel an Beweisen

So sehr wir dieser Schlange in die Augen starren – noch können wir sie nicht fest in den Blick bekommen. Denn erstaunlicherweise gibt es nach wie vor keine simple diagnostische Methode, mit der Alzheimer dingfest gemacht werden kann. Und auch beim Mechanismus, durch den die Krankheit ausgelöst wird, gibt es nur ansatzweise Konsens. Selbst bei den Zahlen ist sich die Fachwelt nicht ganz so sicher. In einem unlängst im «New England Journal of Medicine» publizierten Artikel stellten Epidemiologen nach Durchsicht aktueller Daten die Frage, ob die Demenz womöglich schon wieder im Rückzug sei. Könnte es etwa sein, dass Alzheimer beim genaueren Fokussieren ebenso unscharf bleibt wie damals die Hysterie – und sich am Ende vor unseren Augen in nichts auflöst? 2008 schrieb der Psychologie-Professor Peter Whitehouse ein Buch mit dem Titel «The Myth of Alzheimer’s: What You Aren’t Being Told About Today’s Most Dreaded Diagnosis» (Deutsche Ausgabe: Mythos Alzheimer. Was Sie schon immer über Alzheimer wissen wollten, Ihnen aber nicht gesagt wurde.) Und die deutsche Journalistin Cornelia Stolze bläst in ihren Büchern ins selbe Horn: «Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist.» Stolze glaubt einen grossen «Haken» in Sachen Alzheimer ausfindig gemacht zu haben: «Hinter all den Verheißungen steckt ein fundamentaler Schwindel. Denn so ungeheuerlich es klingt: Bis heute weiß niemand, was Alzheimer ist. Über die Merkmale und Ursachen des Leidens kursieren die widersprüchlichsten Theorien. Das Leiden ist weder klar definiert noch direkt zu diagnostizieren.» Weder Whitehouse noch Stolze negieren die Hirnschäden bei den betroffenen Patienten – insofern ist Alzheimer tatsächlich nicht zu vergleichen mit der Hysterie, da läuft tatsächlich etwas schief im Körper vieler alter Menschen. Doch die Skeptiker stellen die Gretchenfrage nach den ursächlichen Zusammenhängen. Und treffen damit einen wunden Punkt, solange es kein Medikament gibt, das wirksam in die postulierte Krankheitsmechanik eingreifen könnte, kein simples Diagnosewerkzeug, keinen Konsens in der Fachwelt, was den langsamen Zerfall des Gehirns denn nun tatsächlich auslöst. Solange haben Alternativerzählungen gute Chancen; die von Stolze sieht Alzheimer zum Beispiel bloss als «ein nützliches Etikett. Ein Schreckgespenst, mit dem sich erfolgreich Ängste schüren, Karrieren beschleunigen und weltweit Milliarden verdienen lassen.» Ob Herzrasen, Schlafstörungen, Parkinson oder Demenz – hinter etlichen Leiden steckten die Nebenwirkungen massenhaft konsumierter Arzneien.

 

 

Das Übel und die Wurzel

Lavinia Alberi, Leiterin der Neurologie-Forschung am Swiss Integrative Center for Human Health der Uni Freiburg, kann mit solchen Zweifeln nicht viel anfangen. Weder was das molekularbiologische Verständnis noch was die Perspektiven angeht, Alzheimer bald nicht nur stoppen, sondern auch heilen zu können. Sie sieht nämlich gerade jetzt grosse Fortschritte und glaubt, dass «das Problem in nicht allzu ferner Zukunft gelöst sein wird». Es sei eine kritische Masse an Forschung erreicht und eine Reihe von vielversprechenden Substanzen in klinischen Tests. Tatsächlich sind in den letzten Monaten einige aufsehenerregende Resultate mit Antikörpern publiziert worden, womöglich sind wir ziemlich nah daran, einen Wirkstoff zu finden, der erstens den Krankheitsmechanismus erhellt und zweitens, viel entscheidender, auch gezielt als Therapeutikum eingesetzt werden kann. Am wichtigsten sei es, meint Alberi, die diagnostischen Methoden zu verbessern, um Alzheimer schon früh nachweisen zu können. Denn die Krankheit starte wohl schon lange bevor die ersten Symptome auftauchten – «da müssen wir aufmerksamer werden und die ersten Anzeichen früher erkennen: Was wie ein Burnout aussieht könnte eine Frühphase von Alzheimer sein.» Sie selber arbeitet daran, Biomarker zur frühen Diagnose zu finden: «Am einfachsten wäre es, wenn wir Alzheimer im Speichel oder Blut nachweisen könnten.» Alberi ist überzeugt: Dass die bisher durchgeführten gut zweihundert klinischen Tests für Alzheimer-Therapien samt und sonders ohne Behandlungserfolg abgebrochen wurden, liege vor allem daran, dass die Substanzen nicht sehr effektiv sind wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist. Derzeit werden neue Studien aufgegleist, die Alzheimer-Patienten in Frühstadien rekrutieren möchten.

 

Manche Mediziner (und Gesundheitsökonomen) träumen schon davon, dass man präventiv gegen Alzheimer vorgehen könnte. Vielleicht wird uns bald nahegelegt, ab einem gewissen Alter vorsorglich Anti-Amyloid-Pillen zu schlucken, um so die potentiell zerstörerischen Wirkungen der Proteine im Gehirn aufzuhalten, ähnlich wie manche Experten vorschlagen, auf breiter Front Cholesterolsenker einzusetzen, um das Herzinfarktrisiko zu senken. Den Dämon besiegen, indem man seine biochemischen Vorläufer in Schach hält? Noch ist die Forschung den Nachweis schuldig, dass das funktionieren könnte. Inzwischen ist – und bleibt – Alzheimer eine Krankheit unserer Zeit. Es geht um die Angst, die Autonomie zu verlieren. Und damit einhergehend die Maxime, selbständig zu sein bis ins hohe Alter, niemandem zur Last fallen. Eben, im Widerspruch zu den sieben Lebensaltern aus Shakespears’ Zeiten: nicht wieder zum Kind zu werden, das auf Gedeih und Verderb auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Diese Vorstellung, früher normaler Teil des Lebenszyklus, wird uns heute unerträglich.

 

Prävention hat ihren Preis

Also müssen wir weiter funktionieren, die Lebenstreppe, wie sie im 19. Jahrhundert gern dargestellt wurde – mit einem höchsten Punkt um die 50 Jahre herum und dann einem Abstieg bis zurück aufs Kinderniveau – geht nun allmählich in ein Plateau über. Was also wenn alte Menschen einfach weiter arbeiten? Auch die Neurologin Alberi ist überzeugt: die Phase des aktiven Arbeitslebens wird verlängert: «Wir werden bis jenseits der 70 fit bleiben müssen.» Das Gehirn beschäftigen, immer aktiv bleiben, das sei wohl die wichtigste Präventivmassnahme, meint Alberi. Darüber hinaus gebe es auch deutliche Hinweise, dass die Ernährung einen Einfluss hat. Die Alzheimer-Krankheit wird sogar als eine Form von Diabetes im Zentralnervensystem bezeichnet. Alberi selber verzichtet wenn immer möglich auf Kohlenhydrate, die den Insulinspiegel erhöhen. Keine Pasta, als Italienerin? Nein, da ist sie strikt, auch keine Süssigkeiten, nur ausnahmsweise Brot. Damit steht sie am anderen Ende der Alzheimer-Dämonisierung: Nicht in Ohnmacht erstarrt, sondern optimistisch und selbstbestimmt: Man muss versuchen, diesen Teufel auszutreiben, wenn nötig auch mit radikalen Mitteln. Und wenn Genussverzicht dazu gehört, passt das vielleicht noch viel besser in unsere Zeit. Entweder hedonistisch und hell auflodernd leben und sterben – oder selbst-optimiert und arbeitsam bis ins hohe Alter. Bei den Alten gab es da noch ein paar andere Lesarten des Alterns.

 

Die Forschungsgruppe von Lavinia Alberi erforscht intensiv die biologische Funktion des sogenannten Notch1-Signalwegs in Nervenzellen. Dabei interessiert sie sich vor allem für die Rolle, die dieser biochemische Prozess beim Gedächtnis und bei neurodegenerativen Krankheiten spielt. Kürzlich zeigte die Gruppe erstmals auf detaillierte Weise die Verändungen des Notch1-­Signalwegs in Gehirnen von Alzheimer-Patienten auf. Normalerweise wird das Notch1-Protein vom Körper sehr effektiv aus der Gehirnflüssigkeit herausgefiltert, doch bei Alzheimer-Patienten scheint dieser Prozess nicht mehr zu funktionieren, was das Protein und dessen Signalweg zu einem interessanten Kandidaten für eine Alzheimer-Frühdiagnostik macht. Alberi führt ihre Forschung in diesem Bereich am neuen Swiss Integrative Center for Human Health (SICHH) fort, an welchem sie den Lead im Bereich der Gehirnforschung übernommen hat.

lavinia.alberiauber@sichh.ch

www.cish.ch/de