Dossier

Was hält die Schweiz zusammen?

Seit über 700 Jahren gibt es die Schweiz. Warum eigentlich? Damir Skenderovic hat uns erklärt, was das Land zusammenhält. Das Resultat: Eine fein säuberlich sortierte Liste in fünf Punkten.

Alles wäre leichter, wenn wir eine Insel wären. Inseln haben keine Sorgen mit den Nachbarn, Inseln haben frischen Fisch, Inseln leben in glücklicher Isolation. Sie haben keinerlei Identitätskrisen und zusammengehalten werden sie vom Meer. Aber die Schweiz ist keine Insel, sondern ein historisches Zufallsprodukt. Keine Sprache, keine Kultur, keine Religion – nicht einmal die Geographie hält sie zusammen. Immer wieder steigen deshalb Ängste auf, dass sie zerbrechen könnte. Dass man eines morgens aufwacht und sie wäre einfach nicht mehr da. Dass dies nicht geschieht, verhindern mindestens fünf Faktoren.

 

Mythen

Die moderne Schweiz ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Natürlich gab es bereits davor Bündnisse und auch Wilhelm Tell und das Schweizerkreuz haben ältere Wurzeln. Aber erst im 19. Jahrhundert entstand die Idee der Schweiz als Nation. Mit gemeinsamer Verfassung, gemeinsamer Regierung, gemeinsamen Werten, Normen und gemeinsamen Geschichten. Erst jetzt wurde die Fahne zum Identitätsmerkmal, erst jetzt tauchten patriotische Schützen-, Turner-, Gesangs- und Trachtenvereine auf. Erst jetzt wurde Tell von der alpinen Sagengestalt zum nationalen Identitätsstifter.

Der Begriff Mythos selbst ist überfrachtet. Er klingt nach Homer, dabei sind unsere Mythen viel banaler. Sie sind unsere Vorstellung von «uns». Einige sind durchaus richtig; dass wir Pünktlichkeit schätzen oder dass hierzulande hochwertige Produkte hergestellt werden. Andere Mythen sind problematisch bis falsch. Dass wir Schweizer «früher» allesamt Bergbauern waren (womit wir die Städte ausblenden), dass wir Nachfahren stolzer Helvetier sind (der Stamm wurde nur von Cäsar am Auswandern gehindert), dass es früher weniger Migration gab (mitnichten) oder dass wir mit dem Ausland generell nicht viel zu tun hatten (wir waren bis 1648 Teil davon und haben vom Sklavenhandel bis zum Kolonialismus überall teilgenommen). Manche Mythen sind erstaunlich resistent (hat etwa der Bergier-Bericht zur Rolle der Schweiz während der Zeit des Nationalsozialismus unser Geschichtsbild nachhaltig verändert?). Vor allem aber sind Mythen identitätsstiftende Erzählungen über uns selbst. Sie sind die Autobiographie der Schweiz – und können für ganz verschiedene (politische) Zwecke genutzt werden.

 

Bürokratie

Die wohl grössten nie besungenen Helden der Schweiz heissen Herr Knüsi und Fräulein Hungerbühler. Beide sind frei erfunden, beide arbeiten in der Verwaltung und beide sorgen sie dafür, dass die Schweiz tagtäglich funktioniert. Denn die Schweiz ist ein Verwaltungsprojekt. Sie manifestiert sich in Lärmschutz-Paragrafen, im föderalen Finanzausgleich, in den Reglementen der dritten Regionalliga Bern-Mittelland. Der Verwaltungsapparat macht aus Mythen Fakten, ordnet den Alltag und diszipliniert den Einzelnen. Im 19. Jahrhundert hat er dafür gesorgt, dass das Land eine einheitliche Währung erhielt, dass die Uhren vom Genfer- bis zum Bodensee dieselbe Zeit anzeigen oder dass überall dieselben Gesetze gelten. Die Bürokratie sorgt für die Ausgleichsmechanismen zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Arm und Reich und zwischen den Landesteilen, unterstützt aber auch Dynamiken von Ungleichheit und Ausschlüssen, wie die Geschichte von administrativen Versorgungen oder der sogenannten Fremdenpolizei zeigen. Dass Verwaltungen träge seien, ist böse formuliert. Sie bieten einfach ein Maximum an Kontinuität. Oder anders gesagt: Die Bürokratie hat die Willensnation zur Gewohnheitsnation erhoben.

 

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Performance-Kunst

Niemand weiss, was «Performance» ist und doch würde die Schweiz ohne nicht funktionieren. Denn das Land ist keine Insel, sondern ein Verb. Es entsteht durch die alltäglichsten Akte. Durch die Einhaltung der Waschmaschinenbenutzungspläne im Wohnblock, durch die kollektive Massengrillade am Ersten August, durch Wahlen und Abstimmungen. Oder durch das Wandern. Denn Schweizer und Schweizerinnen haben fast alle einen «Migrationshintergrund»: die einen sind aus- oder zugewandert, andere wiederum wandern jeden zweiten Sonntag auf den Moléson oder das Stockhorn und sagen unterwegs jedermann «Grüezi». Die drei Küsschen, das Faible für Allzweckjacken und gewisse Frisuren, das Schuhe-ausziehen-in-fremden-Wohnungen, die Liebe zum ÖV, das Fondue-Machen, das Skirennen-Schauen oder die Angewohnheit, das mit dem Kaffee servierte Zuckersäckchen nach Gebrauch im leeren Kaffeerahmdöschen zu verstauen: Kulturelle Codes sind banal, alltäglich und wandelbar, angeeignet und manchmal aufoktroyiert. Wer sich in ihnen auskennt, bewegt sich in der Schweiz mit schlafwandlerischer Selbstverständlichkeit. Unsere kulturellen Gewohnheiten sorgen für ein Feeling von «Zuhause».

 

Wirtschaft & Erfolg

Die Schweiz ist ein Produkt, eine Marke, ein Claim. Swissness ist ein Verkaufsargument und das vor allem im Inland. Aus der Region, für das Gefühl von lokaler Verwurzelung. Uhren, Messer, WC-Brillen: Mit Schweizerkreuz verkauft sich vieles besser (und teurer) als ohne. Und deshalb verfertigen Knüsi & Hungerbühler Reglemente, wieviel «Switzerland» drin sein muss, bevor mit «Made in» drauf geworben werden darf. Mehr als jeden zweiten Franken verdient die Schweiz im Ausland. Mit Schokolade und Käse? Auch. Sowie mit Kaffee, Rohöl und Diamanten. Unter den zehn umsatzstärksten Schweizer Firmen sind sechs Rohstoffhändler und drei Pharmariesen. Die Schweiz ist wirtschaftlich extrem erfolgreich und der resultierende Wohlstand macht allein zwar nicht glücklich, aber er macht das Glück scheinbar erschwinglicher. Dass niemand ernsthaft Sezessionsgelüste hegt, hat auch einfach damit zu tun, dass niemand einen Vorteil davon hätte, sich loszusagen.

 

Die Anderen

Nichts hält ein «Wir» so einfach zusammen, wie die Abgrenzung von «Anderen». Wer gehört zur Schweiz? Wie stark? Und mit welchen Rechten? Der liberale Staat von 1848 diskriminierte Frauen, Juden, Katholiken: die Mehrheit der Bevölkerung. Ende des 19. Jahrhunderts waren die «Anderen» die Anarchisten. Hätte nicht einer von ihnen 1898 in Genf Sissi ermordet, hätte die Schweiz vielleicht heute noch keine Bundespolizei. Später waren die «Anderen» die Faschisten, die Kommunisten, und heute sind es Muslime und Asylsuchende. Wer darf wählen und abstimmen? Wie viele Bundesräte muss man kennen, um Schweizer, Schweizerin zu sein? Um 1900 gab es Vorstösse im Parlament, Ausländer seien rasch einzubürgern, damit sie das Schweizersein schnell lernten. Heute lebt ein Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner ohne Bürgerrecht, aber die Debatten drehen sich auch um eine ganz andere Partizipation. Wer hat Anspruch auf den Sozialstaat? Wem gönnt man die IV-Rente? Wer kann sich auf bestimmte Grundrechte beziehen? Natürlich ist diese Liste unvollständig – das sind Listen eigentlich immer. Aber sie zeigt: Die Schweiz wird von einem feinen Netz verschiedener Faktoren zusammengehalten. Manche sind hart und fassbar, andere unsichtbar und ephemer. Für die meisten funktioniert dieser Zusammenhalt bisher ziemlich erfolgreich. Und sonst müssen wir eben doch die Alpen ins Meer werfen und uns unsere Insel bauen.

 

Frage Nicolas Hayoz, Professor am und Direktor des Instituts für Osteuropastudien.
nicolas.hayoz@unifr.ch

 

Experte Damir Skenderovic ist Professor für Zeitgeschichte. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Populismus, Rechtsextremismus, politische Parteien, historische Migrationsforschung, Gegenkulturen und die 68er Bewegung. Insbesondere interessiert er sich für Identifikationsprozesse und Mechanismen der Ein- und Abgrenzung in Nationalstaaten.
damir.skenderovic@unifr.ch