Dialog mit Muslimen wichtiger denn je

Dialog mit Muslimen wichtiger denn je

Nach den Terroranschlägen in Paris steht das Verhältnis zwischen Westeuropa und dem Islam einmal mehr im internationalen Fokus. In eben diesem Spannungsfeld ist das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) tätig: Es unterstützt und erforscht die Integration des Islam in die Schweizer Gesellschaft.

Am Mittwoch 18. November fand an der Universität Freiburg nun die erste öffentliche Veranstaltung des SZIG statt. In der Diskussion ging es darum, wie Muslime selber den Islam auslegen und vor welchen Herausforderungen sie in der Schweizer Gesellschaft stehen.

Im Interview: Hansjörg Schmid, Leiter des Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft

Wie hat sich der Terroranschlag in Paris auf die Rolle des SZIG ausgewirkt?
Wir hatten zahlreiche Medienanfragen danach. Der Wunsch nach Einordnung der Ereignisse war gross. Dies zeigt wie wichtig das SZIG ist. Muslime werden stark in die Defensive gedrängt, dabei ist es wichtig einen Dialog auf Augenhöhe zu führen, in dem auch die kritischen Fragen zur Sprache kommen. Die Universität kann eben dieser neutrale Raum sein, in dem man über den Islam in unserer Gesellschaft diskutiert.

Es kommt immer wieder die Frage nach der Imamausbildung. Gibt es diese am SZIG?
Ein für allemal: Es gibt keine formale Imamausbildung bei uns. Was wir anbieten sind verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten. Und da sind Imame natürlich eine Zielgruppe wie viele andere auch. Sie müssen wissen, wie die hiesige Gesellschaft funktioniert. Denn Imame spielen auch eine wichtige Rolle für die Integration der jungen Muslime und im Kampf gegen eine Radikalisierung.

Also keine Imamausbildung. Sondern?
Wir haben drei Schwerpunkte: Forschung, Lehre und Weiterbildung. In der Weiterbildung richten wir uns an Leute, die mit Muslimen zu tun haben, z.B. in Schulen, in der Gemeinde, im Spital, im Gefängnis etc. In der Forschung haben wir ein Doktoratsprogramm, das von der Stiftung Mercator Schweiz finanziert wird. Das Thema sind islamisch-theologische Studien im Verhältnis zur Schweizer Gesellschaft. Und dazu kommt noch die Lehre, der Unterricht an der Universität. Natürlich spielen für uns der Dialog und die Kommunikation eine wichtige Rolle. Ausserdem führen wir in verschiedenen Landesteilen der Schweiz Informationsveranstaltungen über unser Zentrum durch und wirken an Diskussionen zu Fragen des Islams in der Schweiz mit.

Warum braucht es das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft?
In der Schweiz leben rund eine halbe Million Muslime. Wir müssen also über den Islam in der Schweiz auch wissenschaftlich nachdenken. Wir können nicht nur Antworten aus dem Ausland importieren. Es gibt dafür eine grosse Nachfrage, zum Beispiel in der Prävention gegen die Radikalisierung, im Umgang mit dem Islam in der Schule, in der Spitalseelsorge etc.

Welches sind die nächsten Veranstaltungen des SZIG?
Wir haben derzeit laufend Vorlesungen und Seminare. Diese gehören zu unserem Lehrangebot. Der nächste öffentliche Anlass findet am Montag, 30. November 2015 statt. «La liberté d’expression en islam» ist ein Vortrag auf Französisch von Prof. Hamadi Redissi aus Tunis. Es geht darin um die Frage, inwieweit sich Meinungsfreiheit und Pluralismus auch vom Islam her begründen lassen und welche aktuellen Entwicklungen es hier seit dem Arabischen Frühling gibt. Wer regelmässig über unsere Aktivitäten informiert sein möchte, kann unseren Newsletter abonnieren.


Video zur Diskussion «Islamische Selbstauslegung im Dialog»

Unter dem Titel „Zwischen Moschee, Gesellschaft und Universität. Islamische Selbstauslegung im Dialog“ führte das SZIG am 18. und 19. November ausserdem die erste wissenschaftliche Tagung durch. Rund 70 Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen waren anwesend (Programm).

Im Mai 2016 planen wir eine grössere Tagung zum Thema Spitalseelsorge, die vor der Herausforderung einer gewachsenen religiösen Vielfalt steht.

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Gian-Andri Casutt

Ist Leiter von Unicom und Fussballfan. Er interessiert sich für Wissenschaftskommunikation und ist dauernd auf der Suche nach neuen Shows und Formaten.
Als Redaktor mag er vor allem Interviews bei einem gemütlichen Kaffee oder Feierabendbier.

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