Der Winnerslam in mehr als zehn Minuten

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Judith Bodendörfer gewann den Science Slam 2016 in Freiburg. Kurz davor veröffentlichte sie einen Artikel im Magazin «universitas» unter dem Titel «Gelebte Science-Fiction». Es geht darin um die Theosophische Gesellschaft, die 1875 in New York gegründet wurde. Die okkulte Gruppe verschrieb sich der Forschung verborgener Naturkräfte und wurde zu einer Muse der späteren Science-Fiction-Szene.

Im Jahr 1871 veröffentlichte Lord Bulwer-Lytton (1803–1873), ein Schriftsteller, der in der Tradition der englischen Gothic Novel stand, einen Roman, der heute zu den ersten Science-Fiction-Geschichten der Welt gezählt werden kann. Es ist die Erzählung «The Coming Race» deutsch u.a. «Eine Menschheit der Zukunft» in der ein junger amerikanischer Bergbauingenieur entdeckt, dass im Inneren der Erde Menschen leben, die sich eine Kraft zunutze gemacht haben, die sie Vril nennen. Diese überaus entwickelten Erdkernbewohner beschreiben das Vril in Worten, die der oberirdische Eindringling nur schwer begreifen kann. Es scheint sich um eine Kraft zu handeln, die der Elektrizität ähnelt, aber mehr vermag als diese. Das Vril erleuchtet die Städte der Vril-ya, wie sich die Völker, die das Vril zu nutzen gelernt haben, nennen. Es ermöglicht es Ihnen zu fliegen und viele wundersame Maschinen zu bauen, darunter auch Waffen, die so wirksam sind, dass es in ihrer Welt keinen Krieg mehr gibt, da jeder Krieg die totale Zerstörung nach sich ziehen würde.

In der Welt der Vril-ya sind Männer und Frauen gleichberechtigt, es besteht kein Unterschied zwischen arm und reich, Tiere stehen unter besonderem Schutz, es gibt keine harte körperliche Arbeit und das Gemüt der Menschen ist stets ausgeglichen. Schlussendlich aber entflieht der Erzähler angsterfüllt jenem unterirdischen Paradies, in dem er sich nur schwer zurechtfindet. Es wird klar: sobald die Vril-ya herausfinden, dass auf der Erdoberfläche «Wilde» wohnen, werden sie diese grausamen und primitiven Kreaturen mit der Kraft des Vril vernichten. Und die Vril-ya werden kommen… Lytton verband in seinem als Satire gedachten Roman zwei Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, die für die Vorstellung von der Zukunft massgeblich waren: die Beherrschung der Elektrizität und den durch den Darwinismus befeuerten Fortschrittsglauben. Er tat dies so erfolgreich, dass die Rezeptionsgeschichte des Romans nicht auf die Literatur beschränkt bleiben sollte und ihr satirischer Charakter bald in den Hintergrund trat.

Zwischen Fiktion und Okkultismus

Es kommt nicht von ungefähr, dass die von der Theosophischen Gesellschaft beschriebenen verborgenen Kräfte der Natur an das Vril erinnern. Nicht nur war Bulwer-Lytton Okkultist und glaubte, für seine Zeit nicht ungewöhnlich, durchaus selbst an die Möglichkeit des Vril, sondern zudem hatte die Stimme der Theosophischen Gesellschaft und Sphinx des 19. Jahrhunderts, Helena Blavatsky (1831–1891) wiederum Lytton gelesen und seine Idee des Vril für ihre Lehre übernommen. Bald allerdings entwickelten die Theosophen ein ganz eigenes Weltbild. Laut der Theosophischen Lehre sei der Mensch in einen kosmischen Zyklus eingebunden. Die Seelen seien durch das All gereist und schliesslich auf der Erde angekommen, wo sie sich mit der Materie verbunden hätten. Ziel der Menschheit sei es, sich wieder von der Materie zu lösen und dies geschehe nach dem Prinzip von Wiedergeburt und Karma. In früheren Zivilisationen habe es weise Seelen gegeben, die bereits im Besitz dieses Wissen gewesen seien und dieses niedergeschrieben hätten. Diese Texte zu finden und zu übersetzten setzte es sich die Theosophischen Gesellschaft zur Aufgabe. 1878 siedelte sie deshalb nach Indien über. Die Theosophen übersetzten Texte wie die Bhagavad Gita und vertrieben diese in Europa und den USA. Sie waren Herausgeber einer Vielzahl von Zeitschriften in aller Welt und veröffentlichten zudem Bücher, in denen sie ihre Lehre verbreiteten. Im 20. Jahrhundert wurden die Theosophen auch politisch aktiv. Sie forderten die Unabhängigkeit Indiens und waren im indischen Nationalkongress vertreten. Mahatma Gandhi selbst lernte als junger Mann in London Blavatsky kennen und war von ihr tief beeindruckt. Auch er lernte erst durch die Theosophie die religiösen Schriften seiner Heimat kennen. Im Jahr 1913 spaltete sich in Deutschland unter Rudolf Steiner die Anthropologische Gesellschaft ab. Es gibt sie bis heute, sie brachte die Waldorfpädagogik, die Demeter Bauernhöfe oder die Al Natura Supermarktkette hervor.

Beliebtes Tummelfeld

Die Theosophische Gesellschaft befandsich am Ende des 19. Jahrhunderts im breiten Grenzstreifen zwischen dem, was wir heute als Wissenschaft und dem, was wir als Religion bezeichnen, einem Streifen, der im 19. Jahrhundert reich bevölkert war. Sie verstand sich selbst als Wissenschaft, ebenso wie viele spiritistische Gruppierungen, die Kontakt zu den Seelen der Verstorbenen aufnehmen wollten und mit Telekinese, Telepathie und Ektoplasma experimentierten. Diese Gruppen waren häufig nicht so streng getrennt von universitärer Forschung, wie man glauben könnte. Insbesondere im Zwischenreich von Psychologie und Physik waren die Grenzen der Wissenschaft keineswegs eindeutig und manch ein Nobelpreisgewinner unterhielt eine aktive Mitgliedschaft in einer spiritistischen Forschungsgesellschaft. Aus diesem Bereich schöpften auch viele Schriftsteller des 19. Jahrhunderts die Ideen für ihre Geschichten.

Muse für den Horror

Auch der sich gerade wieder grösserer Beliebtheit erfreuende Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft (1890 –1937) interessierte sich sehr für jenen Grenzstreifen zwischen Wissenschaft und Religion, insbesondere für die Theosophie. Im Jahr 1928 erschien im «Weird Tales Magazine» seine Erzählung The Call of Cthulhu, die heute zu seinen bekanntesten Werken zählt. Darin erbt der junge Wilcox von seinem Onkel eine Kiste, die in Form von Tagebucheinträgen und Zeitungsberichten das Geheimnis des schrecklichen Cthulhu enthält, eines grauenhaften, ausserirdischen Wesens, das ineiner verborgenen Stadt im Meer auf seine Befreiung wartet und mittels Telepathie in die Träume der Menschen eindringt. Lovecraft nimmt bereits auf der ersten Seite Bezug zur Theosophie. Er schreibt: «Die Theosophen erahnten die schreckliche Grösse des kosmischen Zyklus, in dem unsere Welt und das Menschengeschlecht nur flüchtige Zufälle darstellen. Sie haben das Überleben von etwas Fremdem in Worten angedeutet, die das Blut gefrieren liessen, wären sie nicht hinter milderndem Optimismus verborgen.»

Für seine Geschichten nimmt Lovecraft den Wahrheitsanspruch der Theosophen ernst und deutet ihn um, obwohl er die Theosophie privat als pseudo-wissenschaftlich bezeichnete und sich durchaus auch lustig machte, über die okkultistischen Studien seiner literarischen Vorväter. Lovecraft war sicherlich kein Theosoph oder Okkultist, aber für ihn waren deren Ideen eine Inspiration für die Entwicklung seiner Theorie des Horrors, die im Science-Fiction-Genre ein häufiges Motiv darstellt. In seiner theoretischen Abhandlung Supernatural Horror in Literatur nennt er dieses den «Cosmic Horror». Es ist die Angst, in einen Kosmos eingebunden zu sein, den der Mensch nicht begreifen kann und in dem er nichts gilt. Diesen Schrecken versinnbildlicht Lovecraft durch ein Monster von einem fremden Stern, das ähnlich einem Seeungeheuer riesig und mit grü nem Schleim überzogen ist. Es hat Tentakeln und besitzt eine auf der Erde unbekannte, übermenschliche psychische Kraft.

Warum in die Ferne schweifen?

Als Ridley Scott 1979 mit «Alien» einen der grossen Science-Fiction-Filmklassiker drehte, liess er sich von Lovecrafts Cthulhu inspirieren. Das Design für den Film übernahm der Schweizer Künstler HR Giger, der das mittlerweile zur Ikone gewordene Alien nach Lovecrafts Vorlage schuf. Und nicht nur hierfür liess er sich von Lovecraft und dem Okkultismus inspirieren. Wer den okkultistischen Wurzeln der Science-Fiction nachspüren möchte, fängt also am besten in nächster Nachbarschaft an: Mit einem Besuch im Giger Museum in Gruyères.

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Dieser Artikel wurde zuerst im Dezember 2015 im Magazin «universitas» unter dem Titel «Gelebte Science-Fiction» publiziert.

Lisa Arnold

Studierte Journalismus und Organisationskommunikation, sammelte Agenturerfahrungen in Zürich, Basel und Bern, bevor sie dank einer kleinen Detour via Indonesien den Weg nach Freiburg fand. Als Online-Redaktorin ist sie auf allen mehr oder weniger sozialen Medien schnell unterwegs...

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