Vom «orientalischen Anderen» zum «muslimischen Fremden»

Vom «orientalischen Anderen» zum «muslimischen Fremden»

Der Umgang mit dem Islam animiert nicht erst seit gestern zu regen Diskussionen. Garantiert interessante Auseinandersetzungen zum Thema werden auch am 20. und 21. Oktober im Rahmen einer internationalen Konferenz zu Islamophobie und Orientalismus an der Universität Freiburg stattfinden. Unsere Experten Prof. Damir Skenderovic und Prof. Christina Späti erklären im Interview, worum es in dieser Debatte geht.

Was bedeuten die beiden Begriffe Islamophobie und Orientalismus?
Unter Islamophobie wird Diskriminierung und Ausgrenzung von Musliminnen und Muslimen verstanden, allein aufgrund des Umstands, dass sie einer Religion, in diesem Fall dem Islam, angehören. Orientalismus beschreibt ganz bestimmte Vorstellungen des «Orients», die lange Zeit in der westlichen Welt vorherrschend waren. Der «Orient» und seine Bevölkerung wurden darin als rückständig dargestellt. Man behauptete, dass die Menschen, die dort leben, sich seit Jahrhunderten nicht verändert hätten und aufgrund ihrer religiösen oder kulturellen Zugehörigkeit nicht zu einem modernen Leben fähig seien. Damit wurde ein scharfer Gegensatz zur westlichen Welt hergestellt.

Sind das nicht einfach Resultate von Klischees?
Vorurteile und Stereotype spielen in beiden Phänomenen eine wichtige Rolle. Es wird stark mit Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen gearbeitet. Solche Stereotype können sehr langlebig sein und flexibel immer wieder an neue historische Situationen und gesellschaftliche Kontexte angepasst werden. Daher können sie eine grosse Wirkungskraft entfalten. Sie sind Teil von Deutungsmustern, die, wie im Falle des Orientalismus, über lange Zeit tradiert wurden. Dabei konnten, gerade im Orientalismus, die Stereotype auch romantisierend gestaltet sein und exotisierenden Phantasien entspringen.

Was waren die Herausforderungen der Vergangenheit?
Es dauerte bis in die 1960er/70er-Jahre, bis die im Westen vorherrschenden Ansichten über den «Orient» in die Kritik gerieten. Man stellte fest, dass sowohl die Wissenschaft über den «Orient», also die Orientalistik, wie auch die öffentliche Meinung über die Gebiete östlich von Europa und deren Bewohnerinnen und Bewohner stark von solchen Stereotypen und Vorurteilen geprägt waren. Die Orientalistik wurde in der Folge stark erneuert. Es kam beispielsweise die Frage auf, ob die abschätzigen Anschauungen über den «Orient» nicht kolonialen Ansprüchen auf das Gebiet geschuldet waren, die so leichter legitimiert werden konnten.

Wie sieht das heute aus?
Seit Beginn der 2000er-Jahre stellen wir einen starken Anstieg von anti-muslimischen Ressentiments in der öffentlichen Debatte fest. Nachdem in den 1990er-Jahren noch vor allem rechtspopulistische Parteien mit Vorurteilen und Klischees über Musliminnen und Muslime und Islam in den politischen Diskussionen operiert haben, sind solche Vorstellungen inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen wie Terrorismus, Migration und Flucht sind Pauschalisierungen, Bedrohungsszenarien und Feindbilder zum festen Bestandteil der Wahrnehmung und des Umgangs mit Musliminnen und Muslime geworden. In den Vorstellungen ihrer fundamentalen Andersartigkeit erhalten insbesondere Religion und Kultur eine herausragende Bedeutung und werden dabei «kulturalisiert». Mit anderen Worten, es wird davon ausgegangen, dass Musliminnen und Muslime eine homogene Gruppe bilden, die anders sei und sich nicht verändern könne: Es gebe den Muslimen, die islamische Religionsgemeinschaft oder den Islam und ihnen sei gemeinsam, dass sie keinerlei Entwicklungen und Wandlungen durchmachen.

Wie kann Islamophobie eine Weiterentwicklung von Orientalismus sein?
Im Vergleich zum Orientalismus sind von Islamophobie vor allem muslimische  Bevölkerungsgruppen betroffen, die in den europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften leben. Zwischen dem Orientalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und dem Umgang mit Islam und muslimischer Migration bestehen jedoch zahlreiche historische und inhaltliche Kontinuitäten. Gerade die Vorstellungen und Deutungen des «orientalischen Anderen» oder eben des «muslimischen Fremden» erweisen sich aus einer Perspektive der longue durée als langlebig und zäh. Aber die Frage nach den Kontinuitäten wird in der Wissenschaft durchaus kontrovers diskutiert und sicher auch an der Konferenz zu debattieren geben.

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Lisa Arnold

Studierte Journalismus und Organisationskommunikation, sammelte Agenturerfahrungen in Zürich, Basel und Bern, bevor sie dank einer kleinen Detour via Indonesien den Weg nach Freiburg fand. Als Online-Redaktorin ist sie auf allen mehr oder weniger sozialen Medien schnell unterwegs...

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