«Sprachen schaffen Verbindungen»

«Sprachen schaffen Verbindungen»

Fünf Tage, 800 Präsentationen, 1600 Gäste: Die internationale Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrer-Tagung (IDT) ist ein Grossanlass. In diesem Jahr findet sie an der Universität Freiburg statt. Grund für ein paar Fragen an Professor Thomas Studer, den Präsidenten des Organisationsteams.

Herr Studer, Was ist die IDT und warum findet die Tagung in diesem Jahr ausgerechnet in Freiburg statt?
Die IDT ist die internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Sie findet alle vier Jahre statt und ist der wichtigste Anlass des Internationalen Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrerverbandes (IDV). Dieser vertritt die Interessen von etwa 250‘000 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern in über 100 Ländern auf fünf Kontinenten. Die Tagung bietet Sprach- und Fachlehrpersonen, Studierenden, aber auch Akteuren von Mittlerorganisationen und aus der Bildungspolitik Gelegenheit, den Forschungsstand in Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ) zu sichten und zu diskutieren, Innovationen zu lancieren, disziplinäre Fragen zu erörtern, das Networking zu stärken und sprach(en)politische Positionen zu erarbeiten. Nebst dem Fachprogramm wartet die IDT 2017 mit einem attraktiven Rahmenprogramm mit Ausflügen und Begegnungen mit Schweizer Kulturschaffenden auf. Kurz: die IDT ist eine Fach- und Begegnungstagung.

Nach 1986 und 2001 findet die IDT nun zum dritten Mal in der Schweiz statt. Wir freuen uns und sind auch ein bisschen stolz, diesen Grossanlass nach Freiburg geholt zu haben. Damit wollen wir auch zeigen: Hey, die Schweiz gehört auch zu den deutschsprachigen Ländern, Deutsch besteht hier nicht nur aus einer Vielzahl schwer verständlicher Dialekte, sondern umfasst mit dem Schweizerhochdeutschen auch eine Standardvarietät. Und diese ist nicht einfach nur «herzig», sondern funktioniert ebenso gut wie die Standardvarietäten Deutschlands und Österreichs, sei es in der Kommunikation mit Anderssprachigen, sei es in der Sprachlehre oder sei es als Wissenschaftssprache. Und was in der Schweiz an Arbeit für DaF /DaZ geleistet wird, ist gerade aufgrund des genuin schweizerischen Bezugs zur Mehrsprachigkeit durchaus international von Belang. Das gilt z.B. für schulische Sprachencurricula genauso wie für politische, etwa kantonale Sprachenkonzepte.

Warum Freiburg? Freiburg ist die einzige Schweizer Universität mit einem Lehrstuhl für DaF/DaZ – was im Übrigen gerade heute schwer nachvollziehbar ist, wenn man sich die Bedeutung von Deutsch als einer Sprache der Integration vor Augen führt. Von daher wird von Freiburg erwartet, dass es eine Leader-Position für das Fach einnimmt, ausübt, aber auch verantwortet. Ein zweiter Grund hat mit dem Motto der IDT 2017 zu tun: «Brücken gestalten – mit Deutsch verbinden». Das passt in doppelter Weise zu Freiburg, wörtlich durch die vielen historischen und modernen Brücken, vor allem aber auch im übertragenen Sinn: Die alltägliche Zweisprachigkeit der Stadt, das Mit- und manchmal auch Gegeneinander von Deutsch und Französisch zeigt: Sprachen schaffen Verbindungen zwischen Menschen und Kulturen. Deshalb lohnt es sich immer, in das Sprachenlehren und -lernen zu investieren. Umgekehrt werden Sprachen auch oft genug instrumentalisiert und stehen dann für Ab- und Ausgrenzung, was es kritisch zu reflektieren und zu benennen gilt.

Was haben eine Deutschlehrerin aus Kamerun und ein Deutschlehrer aus Düdingen miteinander zu besprechen?
Hmh; nehmen wir mal an, die Kamerunerin und der Düdinger treffen sich beim Video-Loop. Das ist eine neue Einrichtung auf der Freiburger IDT, bei der sich Tagungsteilnehmende beim Erzählen besonderer Spracherwerbserlebnisse mit Deutsch filmen lassen können. Die Filme werden dann anderen Teilnehmenden in einer Schlaufe zugänglich gemacht: Was hat Lernende zum Deutschlernen besonders motiviert? Wann hat es Klick gemacht? Was hat einen Flow ausgelöst? Markante Einschnitte in der Sprachlernbiographie im Sinne von persönlichen Brückenschlägen mit Deutsch sind spannende, wechselseitige Denk- und Diskussionsanstösse, für die Kamerunerin und den Düdinger, was auch immer ihre Funktionen in den Arbeitsfeldern von DaF und DaZ sind.

Oder nehmen wir an, unsere beiden Teilnehmenden begegnen sich bei der gemeinsamen Sektionsarbeit. Thema könnte z.B. die mündliche Fehlerkorrektur sein. Die neueren wissenschaftlichen Befunde, die es dazu gibt, sind das eine. Wie diese kontextspezifisch umgesetzt werden sollen, ist das andere. Und hier kann es zwischen der Kamerunerin und dem Düdinger zu einem fruchtbaren Austausch über ihre sehr verschiedenen Erfahrungen kommen: Die Kamerunerin hat vielleicht Erfahrung im Grossgruppenunterricht, der Düdinger kennt sich in der Arbeit mit kleinen Gruppen gut aus. Mündliche Fehlerkorrektur sieht in diesen beiden Unterrichtsformen sehr verschieden aus. Diese Konfrontation wissenschaftlicher Befunde mit ganz verschiedenen Unterrichtsrealitäten kann beiden Lehrpersonen helfen, ihr Bewusstsein für kontextuelle Faktoren zu schärfen, die für das Gelingen des Sprachunterrichts entscheidend sein können.

Was erhoffen Sie sich von der Tagung?
Diese Liste ist lang, aber drei Punkte haben besondere Priorität: Zunächst einmal hoffe ich, dass nicht etwas Grobes passiert, was wir nicht oder falsch antizipiert hätten. Und ich hoffe auch, dass wir finanziell über die Runden kommen. Das Budget war lange Zeit tief rot, jetzt sind wir bei einer schwarzen Null. Angesichts des mehrjährigen, riesigen Aufwandes mit einem enormen Volumen an Gratisarbeit wäre es nicht einfach hinzunehmen, wenn dunkle Wolken dieser Art über der Tagung hängen blieben.

Inhaltlich erhoffe ich mir, dass der Spagat zwischen Innovation und Tradition gelingt, den wir mit der IDT 2017 wagen. Innovativ ist z.B. der «politische Montag». Das ist der erste Kongresstag, der ganz den sprach-, bildungs- und fachpolitischen Dimensionen von DaF und DaZ gewidmet ist. Diese Diskussionen wurden bislang kaum geführt, obwohl sie auf die Lehr- und Lernpraxis einen erheblichen Einfluss haben.

Drittens schliesslich wünsche ich mir, dass die Teilnehmenden ein aktuelles, authentisches Bild der Schweiz in sprachlicher und kultureller Hinsicht mitnehmen. Sowie natürlich differenzierte Eindrücke von der Stadt Freiburg!

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Benedikt Meyer

War schon Wünscheerfüller, Weinbauhelfer, Unidozent, Redaktionsleiter, Veloweltreisender und kleinkünstlerischer Dada-Experte. Ist dank dem Science Slam an der Universität Freiburg gelandet.

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War schon Wünscheerfüller, Weinbauhelfer, Unidozent, Redaktionsleiter, Veloweltreisender und kleinkünstlerischer Dada-Experte. Ist dank dem Science Slam an der Universität Freiburg gelandet.

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